Kleine Angsthasen

Bildquelle: Rike / pixelio.de

Es ist nur ein kleiner Eingriff. Konisation am Gebärmutterhals. Böses Gewebe wird entfernt. Wenn ich Glück habe, war es das dann auch. Angeblich geht das alles innerhalb von 30 Minuten inkl. Begrüßung und Narkose setzen.Und ich mach mir so dermaßen ins Hemd!

Rein rational gibt es überhaupt keinen Grund zur Aufregung. Weder bin ich ein Allergien-Mutterschiff noch neige ich zum Verbluten noch gibt es sonst irgendwelche Gründe, warum ein solcher Routineeingriff morgen ausgerechnet bei mir schief gehen sollte. Aber trotzdem kann ich seit einer Woche kaum einen anderen Gedanken fassen. Außerdem habe ich dauernd Kopfschmerzen seit ich weiß, dass ich kein Aspirin nehmen darf vor der OP. Unnötig zu erwähnen, dass ich sonst vielleicht mal eine Aspirin im Quartal nehme, oder? Meine Schmerzen in Rücken, Nacken und Armen sind unerträglich.

Ich hätte mir die Aufregung gerne wenigstens bis heute aufgehoben, bin ja sonst auch ein guter Verdränger. Aber ich habe einen Fehler gemacht. Ich wollte es mir schön reden. 1 – 2 Tage Klinikaufenthalt hat der Arzt angeordnet und ich dachte mir, ich könnte mir das wie einen Kurzurlaub vorstellen. Einzelzimmer mit Hotelqualität. Ins Bett flacken und was lesen. Keine Verpflichtung, nicht mal Katzen füttern. Und es kam so etwas wie Vorfreude auf.

Tja, und das war es dann. Ich und Vorfreude. Das geht nicht. Ab dem Moment, ab dem ich mich auf etwas freue, habe ich Angst, dass es nicht eintritt. Das Bibbern vor der OP war das eine Problem, nun kam hinzu, dass ich Angst hatte, ich könne die OP gar nicht antreten. Zum Beispiel weil ich außerhalb der Zeit meine Tage kriege. Regulär sind die nächste Woche wieder dran. Oder dass ich bestimmt viel zu hohen Blutdruck habe (ich neige dazu) und nun nicht einmal Aspirin nehmen kann, um mein Blut zu verdünnen. Vielleicht erliege ich vorher noch einem Schaganfall. Meine Nerven sind so angespannt, dass ich eine Skala dafür erfinden müsste.

Vorfreude sei die schönste Freude, sagt der Volksmund. Im Rahmen einer langen Gesprächstherapie fand ich vor vielen Jahren heraus, warum das für mich nicht gilt. Immer wenn ich mich in meiner Kindheit und Jugend auf etwas freute, machte meine Mutter es zu ihrem Instrument.

Vorfreude macht erpressbar

Es war schon schwer genug, für eine Veranstaltung, z. B. die Geburtagsparty einer Freundin, eine Zusage zu bekommen. Stets war ich die letzte, die mitteilen konnte, dass sie dabei wäre. Und die Zusage war von Anfang an an Bedingungen geknüpft. Du kannst am Samstag hingehen, wenn du freiwillig und ohne Widerrede diese oder jene Besorgung oder noch mehr Hausarbeit machst oder wenn du auf diesen Film verzichtest. Im Laufe der Zeit wurden die Bedingungen dann immer umfangreicher. Je früher ich um Erlaubnis fragte, umso länger war die Zeit, in der ich erpressbar war. Denn die gegebene Zusage war keineswegs sicher.  Je mehr ich mich auf das Ereignis freute, desto häufiger machte sie mir das bewusst. „Wenn du nicht sofort den Müll runterbringst, kannst du dir die Party abschminken. Nein, nicht in 5 Minuten, sofort!“

Mit der Zeit lernte ich, so spät wie möglich zu fragen. Und ich lernte, meine Vorfreude nicht zu zeigen. Was aber dennoch blieb war die Angst, ich könne auf den letzten Drücker noch einen Fehler machen und dann dürfte ich nicht. Vorfreude und Angst wurden so stark miteinander verknüpft, dass sie heute nicht mehr trennbar sind. Je schöner etwas ist, je mehr ich mich darauf freue, desto schlimmer leide ich. Ich arbeite so gut ich kann mit Verdrängung dagegen, aber das klappt nicht immer und es ist auch nicht hilfreich. Z. B. wenn du heiraten willst und einfach Vorbereitungen zu treffen sind.

Auf die Frage, ob ich mich denn auf dieses oder jenes Event freue, sage ich immer artig Ja. Aber das ist zum Zeitpunkt der Antwort so meist nicht wahr. Oft beneide ich die Leute um ihre Vorfreude. Ist bestimmt schön.