Modernes Büro

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Genug des Vorgeplänkels. Wird Zeit für harte Fakten. Ich bin seit geraumer Zeit ganz offensichtlich unzufrieden mit der Gesamtsituation. Nichts macht mehr Freude und so ziemlich alles tut mir weh. So wie es aussieht, ist sogar mein Blutdruck schlecht beinander. Ich habe keinerlei Lust auf irgend etwas. Ich schlafe schlecht. Meist viel zu wenig, was mich tagsüber schnell erschöpfen lässt. Und ich wache zu den unmöglichsten Zeiten auf.

Ich fühle mich gefangen in einer Situation, aus der es offenbar kein Entkommen gibt. Ich bin nicht Herr meiner Entscheidungen, sondern muss mich der Situation unterwerfen. Und das schon seit langer Zeit. Klar, ich könnte Entscheidungen treffen, aber der Preis ist mir zu hoch. Fremdbestimmung gehört für mich zu den schlimmsten Dingen auf der Welt. Das erinnert mich an meine Mutter. Ich leide. Höllenqualen. Und ich kann nicht einmal mehr darüber weinen.

Leider hat mich auch mein Glück verlassen. Früher konnte ich mich immer darauf verlassen, dass von irgendwo ein Lichtlein herkommt. Jetzt bleibt es dunkel. Oder es tutet. Gefühlt tutet es im Dunkeln. Vielleicht gab es das Lichtlein früher nur, weil ich doch bestimmte Entscheidungen getroffen oder mich auf eine positive Art verhalten habe, die mir jetzt verloren gegangen ist. Oder ich werde einfach alt.

Aber schauen wir einfach mal drauf.

Die Arbeit

Ende 2014 wurde es mir auf der Arbeit mal wieder langsam alles zu viel. Für eine Chefin zu arbeiten, die ganz offenkundig einen erheblichen Anteil Psychopath in sich trägt, das war nicht auszuhalten. Ich nenne sie jetzt mal Emma. So heißt sie natürlich nicht, hätte es aber verdient.

Emma ist äußerlich ein fröhlicher und freundlicher Mensch, jemand, für den man auf den ersten Blick gerne arbeiten möchte. Zumindest war das mein Eindruck im Vorstellungsgespräch. Ich hätte auf den kleinen Knubbel in meinem Magen hören sollen. Aber der Knubbel war nicht groß genug oder der Leidensdruck, einen neuen Job zu wollen, war größer. Deshalb fing ich bei ihr an. Sie erzählte viel und alles, was sie erzählte, klang erst einmal gut. Doch in der Praxis stellte sich schnell heraus, dass sie lediglich die Wörter benutzte, die politisch korrekt waren. In der Theorie führte sie partnerschaftlich, auf Augenhöhe, würde die Mitarbeiter sich entfalten lassen.

In der Praxis nahm sie ihre Mitarbeiter in Meetings mit 20 oder mehr Teilnehmern systematisch auseinander, mit immer abstruseren Forderungen, die sie nicht erfüllt hatten. In einem unbedachten Moment nannte sie es dann auch so wie sie das selbst sah: Erziehung. Sie war die Lehrerin, die Mutter, die Patronin. Und jedes Meeting ihr Klassenzimmer. Diese Rolle gefiel ihr. Fremschämen war an der Tagesordnung. Die meisten jungen Mitarbeiter, frisch von der Uni und auf Leistung getrimmt, versuchten alles, um ihr zu gefallen. Nein, ich werde das Wort „muss“ nicht mehr benutzen, Emma, ich muss das nicht, ich will das so. Danke, dass du mir die Bedeutung von Sprache so klar aufzeigst. Sie glaubten anfangs tatsächlich noch, sie könnten viel von ihr lernen. Im verzweifelten Wunsch, von ihr geliebt und in ihrer Leistung anerkannt zu werden, rieben sie sich auf in der Arbeit ohne jede Chance auf Erfolg. Etwas, das einen heutigen Jung-Wirtschaftsinformatiker schier in den Wahnsinn treibt. Du kannst es nicht richtig machen. Alle bisher gelernten Methoden, alles Wissen, alles Streben. Nichts, immer gibt’s ins Gesicht. Immer. Und danach eine Umarmung und die Versicherung, es geschehe ja nur zu ihrem Besten, damit sie viel lernen. Die Abgeklärtesten waren am schnellsten wieder weg.

Alle Mitarbeiter, die länger als ein Jahr da waren und/ oder älter als Mitte 30, waren bereits der Resignation anheim gefallen. In den Büros konnte man den Sarkasmus schon in Säcke abfüllen. Neben ihrer erzieherischen Anwandlung hatte Emma nämlich sonst nicht viel zu bieten. Ziele, Rahmenbedingungen, Strukturen. Fehlanzeige. Sie hatte ihre Abteilung in Teams strukturiert, aber sie hielt nach wie vor alle Meetings selbst mit den Mitarbeitern ab, Teamleiter mussten natürlich beisitzen. Sie bezeichnete sich als Projektleiterin des Gesamtprojekts, führte aber nie eine Projektleitertätigkeit aus. Emma gestaltete ihren Tag nach ihrer Lust und Laune. Entweder wurde den ganzen Tag gemeinsam am Konzept gearbeitet (mit 20 Leuten in einem Raum, Effizienz olé) oder es gab halt Sekt. Wenn ihr ein Vorgesetzter und ein hochrangiger Stakeholder aus einem anderen Bereich  etwas reindrückte, war es mit der Laune vorbei. Dann aber abtauchen.

Emma war im Grunde nicht verfügbar. Sie war den ganzen Tag in Terminen, höchstens mal unterbrochen von einem privaten Massage- oder Friseur-Termin oder einer Aura-Besprechung mit ihrer Seherin (ist kein Witz!). Wenn du sie brauchtest, um wirklich mal etwas zu besprechen oder eine Entscheidung zu holen, war es kaum möglich, irgendwo dazwischenzugrätschen.

Entscheidungen selber treffen? Emma predigte gerne vom verantwortungsbewussten und selbständigen Mitarbeiter. Aber in der Praxis wollte sie höchstpersönlich die Beschriftung jedes einzelnen Buttons im Userinterface selbst entscheiden. Das war nichts für Mitarbeiter, auch nicht für Teamleiter. Sowas durfte man sich nicht trauen ohne sie. Und obwohl sie alles selbst entschied, formulierte sie die Entscheidung dann stets so, dass „alle“ beteiligt waren. Falls also ein Kunde mal Kritik üben würde, könnte sie es dann immer noch dem zuständigen „Produktverantwortlichen“ in die Schuhe schieben. Was selbstverständlich auch genau so geschah. Verantwortung übernehmen. Ja, gilt für Mitarbeiter.

Emma warf mir einmal vor, ich säße wie eine Glucke auf meinen Mitarbeitern. Ich sagte ihr, das stimme. Ich beschütze meine Leute so gut ich kann. Ob sie wohl mit unseren Arbeitsergebnissen unzufrieden wäre? Nein. Gut, dann wäre alles in Ordnung, die Mitarbeiter würden ihre Glucke mögen. Unsere Gespräche liefen oft so und sie muss oft bereut haben, mich eingestellt zu haben. Wenn sie mich belehren wollte, ich solle das Wort „müssen“ nicht verwenden, sagte ich ihr, dass ich nicht vorhabe, mir Wörter stehlen zu lassen. Ich fände das Wort gut und es hätte für mich auch eine wichtige Bedeutung. Ich sagte oft Nein, ich widersprach bei so manchem Führungsthema und ich konfrontierte sie, wenn sie mal wieder jemanden zerlegt hatte. Was dann dazu führte, dass es nicht mehr machte, wenn ich dabei war. Aber immer, wenn ich nicht dabei war. Sie hatte also keine Einsicht, sondern war nur vorsichtiger.

Nun, Ende 2013 war das so. Und keine Aussicht auf Besserung. Ich hatte jegliche Identifikation mit dem Produkt und mit der Arbeit verloren und keine Hoffnung, nach zwei Jahren Kampf die Führungssituation von innen heraus zu verbessern. Einfach zum nächsten Chef weiterzuziehen, war mir auch keine Option mehr. Ich verstand nicht, warum Emma weder für ihren Führungsstil noch dafür, dass ihr großes Projekt bereits drei Jahre (in Worten: DREI JAHRE!) überfällig war, abgestraft wurde. Jeder wusste das. Ihr Chef, die Personalabteilung, der Betriebsrat. Meine Chefs davor waren ähnliche Kaliber, offenbar hatte man über Jahre einen bestimmten Typ von Menschen in den Assessment Centern herausgefiltert. Die Sozial-Idioten wurden immer mehr und ich war der Firma wirklich gram, dass sie so viele Blender und Nichtskönner, die ihre Macht durch Rhethorik und Tyrannei festigten, ins mittlere Management befördert hatte. Ich war müde, voller Hass und ohne Zuversicht.

Deshalb bemühte ich mich auch nicht, mich außerhalb zu bewerben. Ich steckte mitten in der Depression. So kann man sich nicht bewerben. Außerdem ist es ein erhebliches Risiko, irgendwo mit Probezeit neu anzufangen. Schon gar nicht, wenn du dir deiner selbst gerade nicht sehr sicher bist. Auf der Zielgeraden das hohe Gehalt und die Altersvorsorge verspielen? Nein, war keine Option.

Ich reichte einen Antrag auf Teilzeit ein bei gleichzeitigem Rücktritt aus der Führungsposition. Meine Idee war, sechs Stunden irgendeinen Job zu machen und nachmittags dann zwei Stunden meinen Mann in seinem Geschäft zu unterstützen. Bis alles geregelt war, wurde es Mitte des Jahres; seit 1. Juli 2014 bin ich nun auf Teilzeit. Das wird dann das nächste Kapitel…

Übrigens: Seit 1.1.2016 hat Emma einen neuen Job. Sie wurde „in ein anderes Projekt berufen, wo ihre Fähigkeiten dringend gebraucht würden“. Ja, unsere Firma ist nett zu den Abgesägten. Mehrere Mitarbeiterbefragungen mit schlechtesten Ergebnissen haben niemanden veranlasst, einzuschreiten. Aber 2015 war Gefährdungsanalyse. Blöd. Das ist viel verbindlicher. Und diese Gefährdungsanalyse hat erhebliche Risiken für die psychische Gesundheit der Mitarbeiter ergeben. Na sowas! Emma macht ihr Projekt zwar im Range einer Abteilungsleiterin (also mit vollen Bezügen), aber Mitarbeiter hat man ihr nicht gegeben. Ist schon gut, dass es Gesetze gibt, die Firmen gelegentlich zu etwas zwingen.