Depressiv in Nürnberg

Susi Sorglos bloggt

Kategorie: Symptome

Frustfresser, oder der Löffel im Nutella-Glas

Ich habe Hunger. Oder Appetit. Oder Verlangen nach Essen. Oder einen Jieper. Immer.

Depressive Menschen leiden eher unter Appetitlosigkeit, lese ich oft. Ich wäre dankbar. Bei mir ist das Gegenteil der Fall. Eigentlich wäre ich eine Spitzenkandidatin für Bulimie, aber ich kotze nicht gern. Finde ich voll widerlich. Es gab eine Zeit, da wünschte ich mir, ich wäre dazu in der Lage. Dann könnte ich mir den Wanst vollschlagen und hinterher alles wieder rauswürgen. Tatsächlich konnte ich mir das aber nicht antrainieren. Selbst wenn mir aus gesundheitlichen Gründen mal schlecht ist, unterdrücke ich das Würgen und warte bis es zum Durchfall geworden ist.

Ist wahrscheinlich gut so. Man muss auch nicht jede Krankheit haben. Eine Model-Karriere war damit allerdings ausgeschlossen. Oder wegen meiner Größe oder meines Aussehens. Egal, wo waren wir?

Hunger. Es ist schlimm. Wenn ich auf der Arbeit bin oder sonstwie unterwegs, dann geht es eigentlich. Da kann ich auch mal den ganzen Tag gar nichts essen ohne dabei zu verhungern. Also rein körperliche Ursachen können wir getrost ausschließen.

Aber wenn man mich mit dem Kühlschrank allein daheim lässt, endet das regelmäßig in einem Massaker.

An guten Tagen Gemüse

Ich mag Gemüse. Und Salat. Und fettarmes Fleisch. An einem guten Tag mache ich mir, wenn ich Lust auf Essen habe, einfach mal einen kleinen Tomatensalat. Oder ich esse eine Banane. Oder eine Praline. Eine. Reicht.

Ich kann getrost auf ganz viele Kohlenhydrate verzichten. Und Fett muss nicht im Übermaß sein. Wenn es mir gut geht, esse ich gesund und in Maßen. Nicht aus einer rationalen Überlegung heraus, sondern einfach weil mir danach ist.

An schlechten Tagen Fett, Fett, Fett

Ich weiß, dass es mir ganz schlecht geht, wenn ich wieder mit dem Löffel im Nutella-Glas herumwühle. Ich kann das Zeug dann löffelweise. Oder ne Tafel Schokolade. Oder Mettenden. Pfui Deibel! Im Normalmodus würde es mir schlecht werden. Und zwar richtig. Im Depressions-Loch kein Problem. Da kann ich mich nicht bremsen.

Hinterher geht’s mir natürlich noch schlechter, denn ich weiß, dass es auch gleich wieder auf den Hüften landet. Aber ich kann mich nicht beherrschen. Sieht dann ungefähr so aus..

Als Kind gelernt

Als Kind ging es mir oft schlecht. Und ich kompensierte das mit Essen. Alleine in meinem Zimmer, ein Buch, Chips, Schokolade, Süßgetränke. Die Leere in meinem Bauch füllte ich mit Essen. Eigentlich ein Wunder, dass ich nicht schlimm fett geworden bin. Ich glaube, ich habe im Alter von 14 und 15 alles Geld, das ich mit dem Geben von Nachhilfe verdiente, für Essen und Comics ausgegeben. Und Papier und Stifte. Die mochte ich auch schon immer. Vielleicht hat das meinen BMI noch halbwegs gerettet. Und die Tatsache, dass ich damals wenigstens noch regelmäßig Sport machte. Mich im Sommer aus dem Schwimmbad zu kriegen, war Schwerstarbeit. :)

Erklären kann ich, woher es kommt. Ich weiß heute auch, dass es dämlich ist.  Und ich will dieses Verhalten auch nicht mehr. Aber kaum bin ich allein zuhaus, gehe ich zum Kühlschrank. An guten Tagen mache ich ihn auf und wieder zu. An schlechten Tagen nehme ich etwas heraus und esse das. Und 15 Minuten später wieder. Und wieder. Und wieder. Und wenn ich dann ein ganz schlechtes Gewissen habe und mich arg vollgefressen fühle, gehe ich zum Kühlschrank und esse erst mal was. Ich find’s cool, dass psychische Erkrankungen in sich so logisch sind.

Rauchen gegen das Fettwerden

Mit 18 beschloss ich, Raucherin zu werden. Bis 16 hatte ich mich immer dagegen verwehrt, hielt Vorträge über die gesundheitlichen Schäden, und wies jeden Anwurf von „Feigling, jetzt probier halt“ mit großer Geste von mir. Dann war die Zeit vorbei, in der die Schulkameraden probierten und mich damit trietzten. Und ich begann zu paffen, nicht zuletzt wegen des ersten Freundes. Es hielt sich mengenmäßig noch in Grenzen, aber mit 18 traf ich dann eine bewusste Entscheidung. Fett werden oder Zigaretten war die Wahl.

Die Zigaretten nahmen mir oft die Not, essen zu müssen. Daheim rauchten eh alle, ich also auch. Ich hätte es wissen können, dass ich sehr süchtig werden würde. Bis heute kann ich vom Nikotin nicht lassen. Ich konnte lediglich die Stinkerette gegen ein Dampfgerät austauschen; für mich schon ein großer Fortschritt.

Tatsache aber bleibt, dass ich extremes Suchtverhalten zeige. Eine Zeit lang war ich bezüglich meines Weinkonsums besorgt und kriegte zum Glück die Kurve. Ich bin sehr froh, dass ich nie härtere Drogen ausprobiert habe. Es hätte ein sehr schlimmes Ende mit mir nehmen können.

Der Mythos vom chemischen Ungleichgewicht

Muntermacher im Büro

Bildquelle: Dr. Klaus-Uwe Gerhardt / pixelio.de

Es gehört mittlerweile zu den „Volksweisheiten“. Eine Depression wird in der Regel durch ein chemisches Ungleichgewicht im Gehirn ausgelöst. Und das ist auch sehr praktisch. Diagnose stellen, Pille wählen, Patient gesund.

Ach, nicht? Komisch. Meist beginnen für Depressive mit den Pillen erst die richtigen Nöte. Spätestens dann, wenn sie sie wieder absetzen wollen und die Abhängigkeit sie daran hindert. Wenn sie vorher dachten, sie hätten Probleme, dann wissen sie jetzt, was richtige Probleme sind.

Liest man sich in die Thematik mal ein bisschen ein, stellt man schnell fest, dass es bis heute keine Erkenntnisse über dieses ominöse chemische Ungleichgewicht gibt. Es lässt sich nicht feststellen, nicht messen, nicht nachweisen. Die Argumentation geht eher so rum: Patient bekommt Pille. Patient will Pille absetzen und es geht ihm furchtbar. Nimmt Patient die Pille weiter, geht es ihm besser. Schlussfolgerung: Mit Pille geht es dem Patienten besser. Pille gut. Und weil die Pille ja die Neurochemie im Gehirn verändert, muss diese vorher falsch gewesen sein. q.e.d.

Antidepressiva gehören zu den schlimmsten Drogen mit den härtesten Nebenwirkungen.  Und ohne Psychotherapie ist dem Patienten überhaupt nicht geholfen. Denn diese Pillen bekämpfen keine Ursachen, obwohl sie die Chemie im Hirn intensiv verändern. Sie dämpfen vielleicht die krassesten Auswirkungen und mögen in Einzelfällen den Zugang zu einer Therapie überhaupt erst ermöglichen. Aber sie helfen wahrscheinlich mehr dem medizinischen Personal, das in den Kliniken mit der Vielzahl von Patienten mit schweren psychischen Störungen zeitlich völlig überfordert wäre.

Die amerikanische Food and Drug Administration sagt, dass nur knapp über die Hälfte (51%) der klinischen Studien zu positiven Ergebnissen kommt. Die Chance, dass mir ein Antidepressivum hilft, liegt als bei 50:50. Die Chance, dass ich mir eine der Nebenwirkungen einhandle…

Warum denken dann so viele Menschen, allen voran die Ärzte, dass Antidepressiva sehr wirksam sind? Weil es viel leichter ist, in Fachpublikationen positive Studienergebnisse zu veröffentlichen. Und wurde eine klinische Studie vom Hersteller selbst initiiert und mit unzureichendem Ergebnis abgeschlossen, hat der natürlich überhaupt kein Interesse, das auch noch in die Welt hinauszuposaunen. Folglich werden die Erfolgsgeschichten über Gebühr oft verbreitet, die Misserfolge fallen unter den Tisch. So sieht es im Ergebnis so aus als wären Antidepressiva zu über 90% nützlich.

Ich hatte mal darüber nachgedacht

Mein Hausarzt hatte mir vor einiger Zeit Johanniskraut verschrieben und ich hatte das Gefühl, es würde mir helfen. Er hatte gesagt, es wirke erst nach ca. 6 Wochen, ich meinte aber bereits nach 1 Woche, es ginge mir besser. Meine Stimmung schien mir nicht mehr so gedrückt, die Gedanken kreisten nicht mehr nur abwärts.

Gegen die Schmerzen hilft es aber überhaupt nicht. Deshalb war ich durchaus geneigt, mich mit Psychopharmaka auseinanderzusetzen. Obwohl ich das instinktiv bislang abgelehnt habe. Aber manchmal bist du einfach auch an einem Punkt, wo du nichts anderes willst als dass es aufhört. Eine Arbeitskollegin, die ein Antidepressivum nimmt, schien zuerst auch eine gute Referenz. Bis sie mir erzählte, dass sie im Rahmen ihrer Therapie auf die halbe Dosis reduzieren sollte und einen massiven Rückfall in die Depression erlebte. So hart, dass der Arzt sie sofort wieder auf die volle Dosis zurücksetzte. Und je mehr ich lese, desto sicherer bin ich mir, dass es ohne gehen muss. So schlecht geht es mir auch wieder nicht. Den Kampf muss ich wohl so austragen.

Und auch das Johanniskraut liegt wieder nur im Schrank rum. Im Vorfeld zu meiner OP informierte ich meinen Gynäkologen und meinen Anästhesisten darüber. Beide waren mäßig begeistert. Der Anästhesist wollte sich nicht 100% festlegen, murmelte aber etwas von, es gäbe ein paar neue Erkenntnisse hinsichtlich Blutverdünnung, ob ich denn nicht verzichten könnte. Der Gynäkologe war deutlicher: Mistzeug, das sogar Krebsmedikamente aushebeln kann. Und das bei reinem Placeboeffekt. Ich soll den Scheiß lassen!

Klar, der Gynäkologe ist jetzt nicht die allererste Referenz für die Hirnchemie, aber wenn seine Meinung so deutlich ausfällt, kann man zumindest mal recherchieren und sich eine qualifiziertere Meinung bilden. Tja, und das habe ich jetzt getan.

Wie Gulasch kaufen zur Herausforderung wird

Gulasch

Bildquelle: Grey59 / pixelio.de

Genug prokrastiniert. Die OP ist jetzt schon einige Tage her und seitdem bin ich krankgeschrieben. Also eigentlich genug Zeit, um zu schreiben. Keine Ahnung, warum ich nicht in Stimmung war.

Eigentlich geht es mir gut. Die OP war ohne Komplikationen und mein gutes Heilfleisch tut sein übriges. Ich darf mich nur nicht anstrengen, damit nichts aufgeht. Deshalb soll ich meine Zeit möglichst auf dem Sofa verbringen und die Füße still halten. Was durchaus schwer fällt, wenn man das Gefühl hat, dass alles toll lief und bei dieser Art von OP auch kein Wundschmerz auftritt.

Deshalb habe ich heute Morgen auch beschlossen, einkaufen zu gehen. Die letzten Tage hat das mein Mann übernommen. Aber dann kommen die Lebensmittel erst abends und ich hatte spontan Lust auf Gulasch, das dann doch ein bisschen Kochzeit braucht.

Auf in den Kampf

Beim Anziehen war ich schon ein bisschen nervös. Nach ein paar Tagen auf dem Sofa war die Überwindung groß, wieder vor die Tür zu gehen. Es ist immer eine Herausforderung für mich, aber es fällt mir doch leichter, wenn ich jeden Tag zur Arbeit gehe. Die Hemmschwelle liegt niedriger. Ein paar Minuten mit dem Auto, ein kurzer Einkaufszettel mit wenig Positionen, denn ich darf ja nicht schwer tragen und die Tasche muss immerhin rauf in den 3. Stock. Im Grunde eine leichte Aufgabe, aber heute war sie das gar nicht.

Je früher je besser, dachte ich mir, und stand um 7 Uhr gestriegelt und gebügelt in der Tür. Einmal tief durchschnaufen und raus in den Hausflur. Bereits beim Runterlaufen fühlten sich meine Knie gummig an als wollten sie jeden Moment nachgeben. Zwischen dem 3. und dem 2. Stock hielt ich kurz inne und rief mich innerlich zur Ordnung. Es ging etwas besser. Bis zum 1. Stock jedoch war ich sicher, dass ich unterwegs einem Blutsturz oder einem Kreislaufkollaps oder beidem erliegen würde. Es kostete mich viel Überwindung, weiterzugehen statt umzukehren.

Im Auto angekommen war mir kurz ein bisschen wohler. Wahrscheinlich war es das seit Tagen eher vertraute Sitzen, das mich beruhigte. Doch wie immer meldeten sich nach dem Losfahren die bekannten Autofahren-Symptome zurück. Mein Rücken wurde zu einer einzigen großen Verspannung. Vom Hals bis zum Steiß ein Schmerz wie ein gigantischer Muskelkater. Ein Schmerz, der sich aber durch Gewichts- und Sitzverlagerung temporär an wechselnden Stellen bündeln lässt. Dort dann zwar als stechender oder krampfartiger Schmerz, aber immerhin nur an einer Stelle.

Ob das nicht alles schon viel zu anstrengend wäre, fragte ich mich beim Einparken vor dem Supermarkt. Ob es wirklich gut wäre, jetzt auch noch durch den Supermarkt zu laufen. Kein Zurück jetzt!

Die nächste Krise an der Fleischtheke. Morgens um 7 Uhr 5 steht tatsächlich jemand vor dir an der Fleischtheke. Ist das statistisch möglich? Stehen, auf einer Stelle. Nicht zu viel herumwippen, wie sieht denn das aus? Aber ganz still stehen führt garantiert zum Umfallen. Mindestens jedoch zu Rückenschmerzen. Sechs Rouladen später konnte ich aber schon mein Gulasch ordern und etwas Hackfleisch für die Katzen.

An der Kasse wieder eine Schlange und genug Zeit, schwerwiegend zu erkranken. Ich bin wirklich dankbar, dass die Kassiererinnen hier so schnell arbeiten.

Zuhause dann langsam in den 3. Stock zurück. Einen Schritt nach dem anderen. Gaaanz langsam. Das Leben kann sehr anstrengend sein.

Den Rest des Tages verbrachte ich damit zu kontrollieren, ob mein Ausflug Schäden hinterlassen hat. Da ich nicht ins Höschen blute, verblute ich wahrscheinlich nach innen. Und mit Gulasch kochen. War lecker.

Ich würde mir das gerne in mein Hirn hämmern. Wieder nichts passiert. Alles ok. Gehe hinaus und freue dich des Augenblicks. Immerhin esse ich noch Gulasch. Ist doch auch gut.

Aus Versehen Vorfreude gehabt

Kleine Angsthasen

Bildquelle: Rike / pixelio.de

Es ist nur ein kleiner Eingriff. Konisation am Gebärmutterhals. Böses Gewebe wird entfernt. Wenn ich Glück habe, war es das dann auch. Angeblich geht das alles innerhalb von 30 Minuten inkl. Begrüßung und Narkose setzen.Und ich mach mir so dermaßen ins Hemd!

Rein rational gibt es überhaupt keinen Grund zur Aufregung. Weder bin ich ein Allergien-Mutterschiff noch neige ich zum Verbluten noch gibt es sonst irgendwelche Gründe, warum ein solcher Routineeingriff morgen ausgerechnet bei mir schief gehen sollte. Aber trotzdem kann ich seit einer Woche kaum einen anderen Gedanken fassen. Außerdem habe ich dauernd Kopfschmerzen seit ich weiß, dass ich kein Aspirin nehmen darf vor der OP. Unnötig zu erwähnen, dass ich sonst vielleicht mal eine Aspirin im Quartal nehme, oder? Meine Schmerzen in Rücken, Nacken und Armen sind unerträglich.

Ich hätte mir die Aufregung gerne wenigstens bis heute aufgehoben, bin ja sonst auch ein guter Verdränger. Aber ich habe einen Fehler gemacht. Ich wollte es mir schön reden. 1 – 2 Tage Klinikaufenthalt hat der Arzt angeordnet und ich dachte mir, ich könnte mir das wie einen Kurzurlaub vorstellen. Einzelzimmer mit Hotelqualität. Ins Bett flacken und was lesen. Keine Verpflichtung, nicht mal Katzen füttern. Und es kam so etwas wie Vorfreude auf.

Tja, und das war es dann. Ich und Vorfreude. Das geht nicht. Ab dem Moment, ab dem ich mich auf etwas freue, habe ich Angst, dass es nicht eintritt. Das Bibbern vor der OP war das eine Problem, nun kam hinzu, dass ich Angst hatte, ich könne die OP gar nicht antreten. Zum Beispiel weil ich außerhalb der Zeit meine Tage kriege. Regulär sind die nächste Woche wieder dran. Oder dass ich bestimmt viel zu hohen Blutdruck habe (ich neige dazu) und nun nicht einmal Aspirin nehmen kann, um mein Blut zu verdünnen. Vielleicht erliege ich vorher noch einem Schaganfall. Meine Nerven sind so angespannt, dass ich eine Skala dafür erfinden müsste.

Vorfreude sei die schönste Freude, sagt der Volksmund. Im Rahmen einer langen Gesprächstherapie fand ich vor vielen Jahren heraus, warum das für mich nicht gilt. Immer wenn ich mich in meiner Kindheit und Jugend auf etwas freute, machte meine Mutter es zu ihrem Instrument.

Vorfreude macht erpressbar

Es war schon schwer genug, für eine Veranstaltung, z. B. die Geburtagsparty einer Freundin, eine Zusage zu bekommen. Stets war ich die letzte, die mitteilen konnte, dass sie dabei wäre. Und die Zusage war von Anfang an an Bedingungen geknüpft. Du kannst am Samstag hingehen, wenn du freiwillig und ohne Widerrede diese oder jene Besorgung oder noch mehr Hausarbeit machst oder wenn du auf diesen Film verzichtest. Im Laufe der Zeit wurden die Bedingungen dann immer umfangreicher. Je früher ich um Erlaubnis fragte, umso länger war die Zeit, in der ich erpressbar war. Denn die gegebene Zusage war keineswegs sicher.  Je mehr ich mich auf das Ereignis freute, desto häufiger machte sie mir das bewusst. „Wenn du nicht sofort den Müll runterbringst, kannst du dir die Party abschminken. Nein, nicht in 5 Minuten, sofort!“

Mit der Zeit lernte ich, so spät wie möglich zu fragen. Und ich lernte, meine Vorfreude nicht zu zeigen. Was aber dennoch blieb war die Angst, ich könne auf den letzten Drücker noch einen Fehler machen und dann dürfte ich nicht. Vorfreude und Angst wurden so stark miteinander verknüpft, dass sie heute nicht mehr trennbar sind. Je schöner etwas ist, je mehr ich mich darauf freue, desto schlimmer leide ich. Ich arbeite so gut ich kann mit Verdrängung dagegen, aber das klappt nicht immer und es ist auch nicht hilfreich. Z. B. wenn du heiraten willst und einfach Vorbereitungen zu treffen sind.

Auf die Frage, ob ich mich denn auf dieses oder jenes Event freue, sage ich immer artig Ja. Aber das ist zum Zeitpunkt der Antwort so meist nicht wahr. Oft beneide ich die Leute um ihre Vorfreude. Ist bestimmt schön.

Warum ich stets schwer krank bin

Das Wesen des Hypochonders ist, dass er Angst hat, krank zu sein. Und nicht nur ein bisschen, sondern ganz schlimm krank.

Ich war schon immer jemand, der in sich hineinhorcht. Und manches Mal schien das auch gut so. Jedenfalls in meiner Erinnerung. Man macht selten eine Statistik, um dann festzustellen, dass man lediglich ein paar Zufallstreffer gelandet hat. Nein, die wenigen Treffer werden zur Gewissheit, dass man ein drittes Auge hat, den 6. Sinn oder zumindest die (übersinnliche) Fähigkeit, im eigenen Körper Krankheiten aufzuspüren.

Und ich habe Rücken. Als ich mit Mitte 20 zum ersten Mal Probleme mit dem Rücken hatte, äußerte sich das in einem stechenden Schmerz unterhalb der Rippen. Ich war sicher, entweder eine Rippenfellentzündung zu haben oder etwas am Herzen. Meine Ärztin wies mich an, mich gerade hinzusetzen und drückte dann mit geübtem Griff auf einen Wirbel. JESUS! Ok, ich glaub’s, es kommt vom Rücken.

Danach hatte ich immer wieder mal Sorge, ich könnte eine Unterleibserkrankung haben, weil es so furchtbar zog. Abgesehen von einem Mal, das sich auch ganz anders anfühlte und wirklich eine Blasenentzündung war, war die Diagnose des Gynäkologen stets: das sind die Muskeln. Mehr Sport wäre gut, dann ziept’s auch nicht mehr.

Vom Dauergast zum Verweigerer

Einerseits bin ich nach so einer Diagnose massiv erleichtert, andererseits ist mir das auch peinlich. Als Hypochonder oder wenigstens als leicht hysterisch will ich schließlich auch nicht dastehen. Deshalb habe ich versucht mir anzugewöhnen, alle Zipperlein auf Rücken oder Muskeln zu schieben und nicht mehr dauernd zum Arzt zu rennen. Das ging eine lange Zeit auch ziemlich gut. Massagetermine ausmachen, wenn mal wieder geschludert, und Magnesium schlucken. Seltsamerweise führte das bei mir zu einer anderen Sicht der Dinge: gehe nicht zum Arzt, er könnte ja etwas Schlimmes finden. Logisch? Sicher.

Die Angst, überhaupt zum Arzt zu gehen, wurde mit der Zeit immer schlimmer. Mein jährlicher Checkup findet so ungefährt alle 2 – 3 Jahre statt. Beim Gynäkologen war ich, man fasst es nicht, 9 Jahre nicht. Ich hatte so eine furchtbare Angst, wieder einmal hinzugehen. Zum Glück war die Angst, jetzt dann doch etwas Schlimmes zu haben, zuletzt so extrem groß, dass ich doch ging. Und das war auch gut so. Noch ein Jahr warten und es wäre Krebs gewesen, sagt mein Arzt. So steht mir jetzt ein vergleichsweise geringer Eingriff bevor, der mit etwas Glück dafür sorgt, dass es das dann erst einmal war.

Alles Einbildung?

Meine Schmerzen, die mich täglich begleiten, sind nicht eingebildet. Ständig tut etwas weh, immer etwas anderes, mal schlimmer, mal weniger schlimm. Wie sagt man so schön: wenn du über 40 bist und morgens ohne Schmerzen aufwachst, dann bist du tot. Sorgen mache ich mir, wenn längere Zeit der gleiche Schmerz vorliegt, dann beginnt das Grübeln.

Es gibt Tage, da kann ich an manche Stellen meiner Extremitäten und meines Oberkörpers nicht hinfassen, weil das dann sehr weh tut. Dann wird jede Bewegung zur Qual und das ist sicher nicht (nur) vom Rücken. Eine Wärmflasche und Aspirin bei 1 – 2 Tagen Bettruhe helfen meist ganz gut. Manchmal sehne ich mich nach stärkeren Schmerzmitteln, aber ich hab auch sehr viel Respekt davor, deshalb lasse ich das lieber.

Ich vermisse meine alte Hausärztin. Sie war nicht nur praktische Ärztin, sondern auch ausgebildete Psychologin. Sie konnte in meine Augen sehen und wusste, wie es mir ging. In vielen Stunden Gesprächstherapie führte sie mich vor über 20 Jahren sanft zu Ursachen und Erkenntnissen, von denen ich noch heute zehre. Ihr konnte ich auch nichts vorlügen, sie hat mich immer durchschaut. Seit sie den Arztkittel an den Nagel gehängt hat, suche ich vergeblich nach einem Hausarzt, dem ich wenigstens annähernd so vertrauen kann. Mein aktueller ist ganz nett und ihm vertraue ich auch bei EKG und Bluttests. Aber mit der Psychologie hat er’s gar nicht. Er ist lieb und schreibt mich einfach eine Woche krank, wenn ich Aua habe, das er nicht begreifen kann. Das ist praktisch, denn wenn es nicht geht, geht es nicht. Aber mir wäre ein Arzt zum Reden und Verstehen lieber. Immerhin hat er mich mit Johanniskraut vertraut gemacht, das rechne ich ihm hoch an.

Ich weiß auch nicht, wie ich einen guten Psychotherapeuten finden soll. Ich hatte ein paar „Vorstellungsgespräche“, aber es wollte sich nicht einmal spontane Sympathie einstellen. Um einen kennenzulernen, wartet man ohnehin schon wochenlang und wenn man dann feststellt, dass er/ sie nichts ist, ist das sehr enttäuschend.

Ich denke, meine Arztverweigerung hat auch viel damit zu tun, dass ich dieses Vertrauen, das ich zu meiner ehemaligen Ärztin hatte, eben nie wieder gefunden habe. Ich habe ganz klar das Bedürfnis, an meinen inneren Dämonen zu arbeiten, aber es ist ausgesprochen schwierig, dafür den richtigen Gesprächspartner zu finden.

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