Journalistische Artikel, die sich mit dem Thema Depression befassen, kommen zurzeit immer zu dem Schluss, die Krankheit dürfe nicht mehr tabuisiert werden. Betroffene sollten sich outen. Besonders beliebt ist das Outing bei Journalisten, die daran leiden. Und in ihrer Welt mag das auch richtig sein.
Ein Arbeitnehmer muss seinem Arbeitgeber, mindestens seinem direkten Vorgesetzten, erklären, warum er krankgeschrieben ist. Niemand sagt: „Hey, ich bin die nächsten Monate mal weg, aber ich sage euch nicht, warum.“ Insofern werden die meisten Menschen es ihrem Chef wohl sagen.
Für Journalisten bedeutet das dann sicher, dass der Chef ganz begeistert vorschlägt, man könne die persönlichen Erfahrungen doch gleich mal in einem Artikel verarbeiten. Und vielleicht ist es auch ein bisschen Berufsehre, dass betroffene Journalisten sich selbst auferlegen, die Krankheit zu thematisieren. Reportage direkt aus dem Krisengebiet.
Aber dennoch versteht es niemand
Wer nicht betroffen ist, tut sich schwer mit dem Verständnis. Selbst als Betroffener hadert man oft genug mit sich selbst, verlangt von sich mehr Selbstdisziplin oder sitzt in der Ecke und versucht wie ein Depp positive Denkkräfte zu aktivieren, um sich selbst zu heilen. Wie sollen dann Dritte verstehen, was Depression mit ihren vielen Facetten bedeutet? Sie lesen die Geschichten, aber es braucht schon sehr viel Empathie, um sich hineinzufühlen. Ich behaupte sogar: nur wer ein gerüttelt Maß an Zuneigung für die Person hat, der wird sich über die Wörter hinaus einfühlen wollen. Wer die Person nicht kennt, für den bedeuten auch schön aufbereitete journalistische Geschichten nichts.
Im Gegenteil. Gerade oberflächliche Manager haben keine Zeit und keine Lust, sich mit so einem Krankheitsbild auseinanderzusetzen. Ich hatte mal einen Abteilungsleiter, der hatte sich beim ersten Fall von Burnout in seiner Abteilung bei einem befreundeten Psychologen erkundigt, was er davon halten solle. Der Psychologe erklärte ihm, dass es bei psychischen Beschwerden nie allein die Arbeit wäre, es kämen stets mehrere Aspekte zusammen und am Ende müsse der Betroffene da primär alleine durch. Ich bin sicher, der Psychologe hat nicht eindimensional geredet, aber das Einzige, das hängen blieb, war, dass der Chef alleine ganz bestimmt nicht Schuld ist, man ihm also nicht am Zeug flicken konnten und der Freibrief, dass der Betroffene da alleine durch muss. Und das war dann auch seine neue Standard-Reaktion. Der Mitarbeiter solle schauen, „dass er das in den Griff kriegt“ und erst wieder vorstellig werden, wenn er wieder ok wäre. Keine Empathie, kein Verständnis, keine Angebote. War der Mitarbeiter anwesend, musste er funktionieren und zwar bitte so, wie man das vor seinem Burnout von ihm gewohnt war. Ansonsten solle er halt wieder den Arzt aufsuchen. Statt Empathie Distanz und Liebesentzug.
Dieser Abteilungsleiter war eine Zeit lang auch mein Chef. Ich hatte bei ihm einen Stein im Brett. Kein Wunder, ich arbeitete auch wie eine Gestörte, führte zwei Teams mit unterschiedlichen Aufgabenbereichen. Bis es auch mir die Füße wegzog. Tatsächlich war ich körperlich so erschöpft, dass mich meine Mitarbeiter dreimal innerhalb kurzer Zeit nach Hause fahren mussten. Und dann kamen die Panikattacken, längst vergessene und überwunden geglaubte Probleme. Ich sprach meinen Chef an und erklärte ihm, dass ich nur noch ein Team führen könne. Damals war ich so naiv zu glauben, die Tatsache, dass er mich so gern mochte, würde ihn verständnisvoll stimmen und er würde mich unterstützen, möglichst schnell wieder auf die Beine und in ein vernünftiges Maß an Arbeit zu kommen. Aber wie das halt so ist bei diesem Menschen: wenn du mir nützt, nenne ich dich Freund, nützt du mir nicht, kannst du mir gestohlen bleiben. Die klare Ansage, ich solle das gefälligst in den Griff kriegen, war noch das Harmlosese, was er mir antat. Ich fühlte mich in den Monaten danach häufig als würde er mit einem Panzer über mich drüber rollen. Ich verließ meine Teams und ging woanders hin, weil ich wusste, ich war für sie eher zur Gefahr geworden als dass ich ihnen Gutes tun konnte. Wo ich vorher bei Anfragen nach einer Prämie oder Gehaltserhöhung kaum argumentieren musste, weil ich als kompetente Chefin, von der er so viel hielt, doch genau wusste, wie ich meine Mitarbeiter einzuschätzen hätte, war jetzt ein Vorschlag meinerseits für eine Zuwendung Auslöser dafür, dass er begann, den Mitarbeiter unter die Lupe zu nehmen und fertig zu machen. Mit dem Ziel, mir nachzuweisen, dass ich völlig untauglich bin.
Ab da war ich sehr vorsichtig. Während ich meine Mitarbeiter stets ermutigte, sich mir gegenüber zu öffnen, damit ich sie wenigstens in kritischen Momenten unterstützen konnte, hielt ich stets den Mantel des Schweigens sowohl über meine eigenen inneren Kämpfe als auch über die psychischen Probleme meiner Mitarbeiter. Ich nahm schon mal die der Schweigepflicht unterlegenen Beratungsmöglichkeiten der Betriebsärztin in Anspruch, aber niemals mehr fragte ich einen direkten Vorgesetzten nach Unterstützung.
Die „Normalen“ können damit nicht umgehen
Auf die Frage „Wie geht es dir?“ möchten wir doch immer nur die Antwort „Gut!“ hören. In Franken darf man auch – mit einem Lächeln – „Bassd scho“ sagen. Denn ein Passt schon ist beim Franken das Gleiche wie ein Gut. Die meisten Menschen sind heutzutage so mit ihren eigenen Sorgen und Nöten beschäftigt, dass sie nur mäßig Interesse daran haben, wenn die Nachbarin über ihre schmerzenden Beine klagt. Vor allem natürlich wenn die schmerzenden Beine etwas chronisches sind, das häufiger thematisiert wird. Einmal hören wir uns die Geschichte an, danach verkneifen wir uns die Frage nach dem Befinden und hasten lieber schnell vorbei.
Stark zugenommen hat auch die Unterstellung, die Leute wären ja selbst Schuld an ihren Krankheiten, egal welcher Art. Und deshalb sollen sie mir jetzt nicht die Ohren volljammern. Hätten sie mal rechtzeitig auf ihre Gesundheit geachtet oder würden sie jetzt mal die Backen zusammenkneifen, dann, ja dann müssten sie auch nicht lamentieren. Irgendwie hat sich in unserer Gesellschaft der Gedanke, dass jeder seines Glückes und seiner Gesundheit Schmied ist, schon hart festgesetzt. Also wenn du Probleme hast, dann gehe hin und mach was dagegen. Und erzählen darfst du mir nur davon, wenn du tolle Fortschritte machst. Dann kann ich dich loben und mich mit dir darüber freuen, was ja eine tolle Anteilnahme meinerseits ist. Dann fühlst du dich gut und ich fühle mich gut, eine Win-Win-Situation. Aber ich will nicht hören, dass deine Tabletten nicht anschlagen oder dass du sie nicht nimmst, weil du Angst hast oder du deinem Arzt nicht vertrautst und dir erst einmal einen neuen suchen wolltest, wenn du wüsstest… Nee, also reiß dich mal zusammen! Neuerdings schreiben auch immer mehr „kluge“ Leute, man solle sich, wenn man wirklich erfolgreich und glücklich werden will, von negativen Menschen fern halten. Die zögen einen nur runter.
Witzig ist dabei, dass das deutsche Gemüt aber eigentlich mit der Gewissheit aufgewachsen ist, dass immer die anderen Schuld sind an der eigenen Misere. Es ist nicht mein Zigarettenkonsum, der mir Krebs gemacht hat, sondern die Emissionen des nächsten Chemiewerks. Das ist eigentlich deutsches Gedankengut. Und stimmt auch immer für mich, für den anderen aber nicht, der ist wieder selber Schuld. 😀
Wir haben einerseits also die glücklichen und erfolgreichen, die die Kraft und Ausdauer hätten, mich bei der einen oder anderen Gelegenheit einfach mal kurz bei der Hand zu nehmen, damit ich einen entscheidenden Schritt gehe. Oder die mir einfach ein bisschen ihrer Unbeschwertheit überlassen könnten, damit mein dunkler Keller etwas erhellt werde. Das sind die, die glauben, dass ich selbst Schuld bin und sie halten sich lieber von mir fern, damit ich sie nicht hinabreiße in ein finsteres Loch. Oder sie geben mir Ratschläge wie „mach doch mal mehr Sport oder Entspannungsübungen“.
Die anderen, die der Meinung sind, alle anderen wären Schuld, die schließen sich mir vielleicht an. Dann können wir gemeinsam auf die Pharmaindustrie schimpfen oder sonstige Großkonzerne oder einfach auf unsere Eltern, vielleicht entwickeln wir auch gemeinsam eine Verschwörungstheorie. Aber wird mich das auf Dauer retten? Wohl eher nicht.
Und so wird der Kreis der Menschen, mit denen ich mich ernsthaft unterhalte, immer kleiner. Der Kreis der Menschen, denen ich etwas über meine psychischen Beschwerden mitteile, ist winzig. Und er besteht ausschließlich aus Leuten, die wissen, wovon ich rede.
Noch viel mehr reden, aber immer geschützt
Es ist gut über psychische Krankheiten zu reden. Egal über welche. Offen und ehrlich. Und öffentlich wie in Blogs, damit sich andere, die alleine zuhause sitzen, ein Bild machen können, dass sie nicht alleine sind.Hier könnten die Beiträge meines Erachtens noch detaillierter und persönlicher sein. Viel zu oft bleiben Artikel oder Blogs an der Oberfläche, sind zu pauschal. Der Grund ist meines Erachtens, dass niemand so ins Detail gehen will, wenn sein echter Name darunter steht. Zu leicht wird man danach zum Opfer, gibt den weniger freundlich gesonnenen Menschen gerade noch die Waffen in die Hand, mit denen sie einen verletzten können.
Deshalb: Ich tausche mich gerne mit einem Avatar aus. Es ist egal, ob jemand Peter oder Weihnachtsmann54 heißt. Wenn wir auf Augenhöhe diskutieren können, dann ist mir der eine Name so gut wie der andere.
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Steffen Hänert
"Hallo Susi Sorglos, habe alle Ihre Zeilen gelesen, ja auch mir ging ..."
Freja
"Liebe Susi, welch eine Ironie. Da stieß ich auf deinen Blog, als ich gerade ..."