
Bildquelle: Dr. Klaus-Uwe Gerhardt / pixelio.de
Es gehört mittlerweile zu den „Volksweisheiten“. Eine Depression wird in der Regel durch ein chemisches Ungleichgewicht im Gehirn ausgelöst. Und das ist auch sehr praktisch. Diagnose stellen, Pille wählen, Patient gesund.
Ach, nicht? Komisch. Meist beginnen für Depressive mit den Pillen erst die richtigen Nöte. Spätestens dann, wenn sie sie wieder absetzen wollen und die Abhängigkeit sie daran hindert. Wenn sie vorher dachten, sie hätten Probleme, dann wissen sie jetzt, was richtige Probleme sind.
Liest man sich in die Thematik mal ein bisschen ein, stellt man schnell fest, dass es bis heute keine Erkenntnisse über dieses ominöse chemische Ungleichgewicht gibt. Es lässt sich nicht feststellen, nicht messen, nicht nachweisen. Die Argumentation geht eher so rum: Patient bekommt Pille. Patient will Pille absetzen und es geht ihm furchtbar. Nimmt Patient die Pille weiter, geht es ihm besser. Schlussfolgerung: Mit Pille geht es dem Patienten besser. Pille gut. Und weil die Pille ja die Neurochemie im Gehirn verändert, muss diese vorher falsch gewesen sein. q.e.d.
Antidepressiva gehören zu den schlimmsten Drogen mit den härtesten Nebenwirkungen. Und ohne Psychotherapie ist dem Patienten überhaupt nicht geholfen. Denn diese Pillen bekämpfen keine Ursachen, obwohl sie die Chemie im Hirn intensiv verändern. Sie dämpfen vielleicht die krassesten Auswirkungen und mögen in Einzelfällen den Zugang zu einer Therapie überhaupt erst ermöglichen. Aber sie helfen wahrscheinlich mehr dem medizinischen Personal, das in den Kliniken mit der Vielzahl von Patienten mit schweren psychischen Störungen zeitlich völlig überfordert wäre.
Die amerikanische Food and Drug Administration sagt, dass nur knapp über die Hälfte (51%) der klinischen Studien zu positiven Ergebnissen kommt. Die Chance, dass mir ein Antidepressivum hilft, liegt als bei 50:50. Die Chance, dass ich mir eine der Nebenwirkungen einhandle…
Warum denken dann so viele Menschen, allen voran die Ärzte, dass Antidepressiva sehr wirksam sind? Weil es viel leichter ist, in Fachpublikationen positive Studienergebnisse zu veröffentlichen. Und wurde eine klinische Studie vom Hersteller selbst initiiert und mit unzureichendem Ergebnis abgeschlossen, hat der natürlich überhaupt kein Interesse, das auch noch in die Welt hinauszuposaunen. Folglich werden die Erfolgsgeschichten über Gebühr oft verbreitet, die Misserfolge fallen unter den Tisch. So sieht es im Ergebnis so aus als wären Antidepressiva zu über 90% nützlich.
Ich hatte mal darüber nachgedacht
Mein Hausarzt hatte mir vor einiger Zeit Johanniskraut verschrieben und ich hatte das Gefühl, es würde mir helfen. Er hatte gesagt, es wirke erst nach ca. 6 Wochen, ich meinte aber bereits nach 1 Woche, es ginge mir besser. Meine Stimmung schien mir nicht mehr so gedrückt, die Gedanken kreisten nicht mehr nur abwärts.
Gegen die Schmerzen hilft es aber überhaupt nicht. Deshalb war ich durchaus geneigt, mich mit Psychopharmaka auseinanderzusetzen. Obwohl ich das instinktiv bislang abgelehnt habe. Aber manchmal bist du einfach auch an einem Punkt, wo du nichts anderes willst als dass es aufhört. Eine Arbeitskollegin, die ein Antidepressivum nimmt, schien zuerst auch eine gute Referenz. Bis sie mir erzählte, dass sie im Rahmen ihrer Therapie auf die halbe Dosis reduzieren sollte und einen massiven Rückfall in die Depression erlebte. So hart, dass der Arzt sie sofort wieder auf die volle Dosis zurücksetzte. Und je mehr ich lese, desto sicherer bin ich mir, dass es ohne gehen muss. So schlecht geht es mir auch wieder nicht. Den Kampf muss ich wohl so austragen.
Und auch das Johanniskraut liegt wieder nur im Schrank rum. Im Vorfeld zu meiner OP informierte ich meinen Gynäkologen und meinen Anästhesisten darüber. Beide waren mäßig begeistert. Der Anästhesist wollte sich nicht 100% festlegen, murmelte aber etwas von, es gäbe ein paar neue Erkenntnisse hinsichtlich Blutverdünnung, ob ich denn nicht verzichten könnte. Der Gynäkologe war deutlicher: Mistzeug, das sogar Krebsmedikamente aushebeln kann. Und das bei reinem Placeboeffekt. Ich soll den Scheiß lassen!
Klar, der Gynäkologe ist jetzt nicht die allererste Referenz für die Hirnchemie, aber wenn seine Meinung so deutlich ausfällt, kann man zumindest mal recherchieren und sich eine qualifiziertere Meinung bilden. Tja, und das habe ich jetzt getan.
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