Depressiv in Nürnberg

Susi Sorglos bloggt

Frustfresser, oder der Löffel im Nutella-Glas

Ich habe Hunger. Oder Appetit. Oder Verlangen nach Essen. Oder einen Jieper. Immer.

Depressive Menschen leiden eher unter Appetitlosigkeit, lese ich oft. Ich wäre dankbar. Bei mir ist das Gegenteil der Fall. Eigentlich wäre ich eine Spitzenkandidatin für Bulimie, aber ich kotze nicht gern. Finde ich voll widerlich. Es gab eine Zeit, da wünschte ich mir, ich wäre dazu in der Lage. Dann könnte ich mir den Wanst vollschlagen und hinterher alles wieder rauswürgen. Tatsächlich konnte ich mir das aber nicht antrainieren. Selbst wenn mir aus gesundheitlichen Gründen mal schlecht ist, unterdrücke ich das Würgen und warte bis es zum Durchfall geworden ist.

Ist wahrscheinlich gut so. Man muss auch nicht jede Krankheit haben. Eine Model-Karriere war damit allerdings ausgeschlossen. Oder wegen meiner Größe oder meines Aussehens. Egal, wo waren wir?

Hunger. Es ist schlimm. Wenn ich auf der Arbeit bin oder sonstwie unterwegs, dann geht es eigentlich. Da kann ich auch mal den ganzen Tag gar nichts essen ohne dabei zu verhungern. Also rein körperliche Ursachen können wir getrost ausschließen.

Aber wenn man mich mit dem Kühlschrank allein daheim lässt, endet das regelmäßig in einem Massaker.

An guten Tagen Gemüse

Ich mag Gemüse. Und Salat. Und fettarmes Fleisch. An einem guten Tag mache ich mir, wenn ich Lust auf Essen habe, einfach mal einen kleinen Tomatensalat. Oder ich esse eine Banane. Oder eine Praline. Eine. Reicht.

Ich kann getrost auf ganz viele Kohlenhydrate verzichten. Und Fett muss nicht im Übermaß sein. Wenn es mir gut geht, esse ich gesund und in Maßen. Nicht aus einer rationalen Überlegung heraus, sondern einfach weil mir danach ist.

An schlechten Tagen Fett, Fett, Fett

Ich weiß, dass es mir ganz schlecht geht, wenn ich wieder mit dem Löffel im Nutella-Glas herumwühle. Ich kann das Zeug dann löffelweise. Oder ne Tafel Schokolade. Oder Mettenden. Pfui Deibel! Im Normalmodus würde es mir schlecht werden. Und zwar richtig. Im Depressions-Loch kein Problem. Da kann ich mich nicht bremsen.

Hinterher geht’s mir natürlich noch schlechter, denn ich weiß, dass es auch gleich wieder auf den Hüften landet. Aber ich kann mich nicht beherrschen. Sieht dann ungefähr so aus..

Als Kind gelernt

Als Kind ging es mir oft schlecht. Und ich kompensierte das mit Essen. Alleine in meinem Zimmer, ein Buch, Chips, Schokolade, Süßgetränke. Die Leere in meinem Bauch füllte ich mit Essen. Eigentlich ein Wunder, dass ich nicht schlimm fett geworden bin. Ich glaube, ich habe im Alter von 14 und 15 alles Geld, das ich mit dem Geben von Nachhilfe verdiente, für Essen und Comics ausgegeben. Und Papier und Stifte. Die mochte ich auch schon immer. Vielleicht hat das meinen BMI noch halbwegs gerettet. Und die Tatsache, dass ich damals wenigstens noch regelmäßig Sport machte. Mich im Sommer aus dem Schwimmbad zu kriegen, war Schwerstarbeit. :)

Erklären kann ich, woher es kommt. Ich weiß heute auch, dass es dämlich ist.  Und ich will dieses Verhalten auch nicht mehr. Aber kaum bin ich allein zuhaus, gehe ich zum Kühlschrank. An guten Tagen mache ich ihn auf und wieder zu. An schlechten Tagen nehme ich etwas heraus und esse das. Und 15 Minuten später wieder. Und wieder. Und wieder. Und wenn ich dann ein ganz schlechtes Gewissen habe und mich arg vollgefressen fühle, gehe ich zum Kühlschrank und esse erst mal was. Ich find’s cool, dass psychische Erkrankungen in sich so logisch sind.

Rauchen gegen das Fettwerden

Mit 18 beschloss ich, Raucherin zu werden. Bis 16 hatte ich mich immer dagegen verwehrt, hielt Vorträge über die gesundheitlichen Schäden, und wies jeden Anwurf von „Feigling, jetzt probier halt“ mit großer Geste von mir. Dann war die Zeit vorbei, in der die Schulkameraden probierten und mich damit trietzten. Und ich begann zu paffen, nicht zuletzt wegen des ersten Freundes. Es hielt sich mengenmäßig noch in Grenzen, aber mit 18 traf ich dann eine bewusste Entscheidung. Fett werden oder Zigaretten war die Wahl.

Die Zigaretten nahmen mir oft die Not, essen zu müssen. Daheim rauchten eh alle, ich also auch. Ich hätte es wissen können, dass ich sehr süchtig werden würde. Bis heute kann ich vom Nikotin nicht lassen. Ich konnte lediglich die Stinkerette gegen ein Dampfgerät austauschen; für mich schon ein großer Fortschritt.

Tatsache aber bleibt, dass ich extremes Suchtverhalten zeige. Eine Zeit lang war ich bezüglich meines Weinkonsums besorgt und kriegte zum Glück die Kurve. Ich bin sehr froh, dass ich nie härtere Drogen ausprobiert habe. Es hätte ein sehr schlimmes Ende mit mir nehmen können.

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Selbstanalyse I

  1. Freja

    Liebe Susi,

    welch eine Ironie. Da stieß ich auf deinen Blog, als ich gerade dabei war, mir Unmengen Müsli in meinen Körper zu spachteln. Ich tracke mit. Heute waren es 3.994 kcal.

    Du sprichst mir teilweise so aus der Seele. Das mit dem Kotzen kann ich nämlich leider auch nicht. Wie ferngesteuert muss ich mir dabei zusehen, wie ich immer wieder in die Küche schleiche, um mir irgendwas schnell verfügbares zu holen und es anschließend zu verdrücken. Dabei schaue ich manchmal aus dem Fenster, um zu kontrollieren, ob jemand sehen könnte, wie ich nun zum sechsten Mal in der Küche stehe und mir Müsli nachfülle oder ein Brot schmiere.

    Jetzt tut mein Bauch weh. Zum Kotzen. (Wenns doch nur ginge)

    Naja, dann wird morgen eben wieder gefastet.

  2. Steffen Hänert

    Hallo Susi Sorglos, habe alle Ihre Zeilen gelesen, ja auch mir ging es vor 5 Jahren so ähnlich, habe Beruf, Arbeit, Wohnung und Beziehung verloren.
    Hab mich wieder aufgerappelt, gehe alles langsamer und nachdenklicher an.
    Medis habe ich gemeinsam mit der Ärztin ausgeschlichen.
    Ich spiele seit dem aktiv Tischtennis und Schach, lese viel und freu mich auf den Frühling, da bin ich oft draussen an der Natur unterwegs, oder gehe mit meinem Kumpel angeln.
    Ich wünsche Ihnen wunderschöne Osterfeiertage, Ruhe und dolle Gesundheit.

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