
Bildnachweis: Martin Schuler / pixelio.de
Ich bin in einem Stadtviertel weit weg von hier aufgewachsen, das heute eine No-Go-Area ist. Früher war unsere größte Angst die vor den wenigen alten türkischen Männern, die mit ihrer Gebetskette in der Hand die Straße auf und ab flanierten und im Sommer gelegentlich deutschen Mädchen hinterherriefen, sie sollen doch mal stehenbleiben oder rüberkommen. Mit der Vorsichtsmaßnahme der Armlänge Abstand und zügigem Weitergehen kam man da aber noch prima zurecht. Wir regten uns darüber auf, dass Frauen 2 Schritte hinter ihren Männern gehen mussten, mit Kopftuch und 2 Aldi-Tüten und auch nach Jahren kein Wort Deutsch sprachen. Wir Mädels machten uns lustig, weil die türkischen Frauen im Winter unter dem Rock eine Hose trugen; überhaupt hatten die älteren Türkinnen keine besondere Beziehung zu Mode.
Das waren damals unsere „Integrationsprobleme“. Die Männer hatten meist eine Arbeit, die Frauen waren zuhause, die Kinder gingen in die Schule, wo sie aber Deutsch lernten und viele deutsche Freunde hatten. Ja, die türkischen, italienischen, griechischen oder jugolawischen Jungs waren immer ein bisschen lauter, ein bisschen hibbeliger, ein bisschen unverschämter als die deutschen Jungs. Wir nannten das damals südländisches Temperament. Die Mädels waren zum Leidwesen ihrer deutschen Klassenkameradinnen meist unfassbar hübsch und hatten Brüder, die auf sie aufpassten. Ich glaube, in meiner Jugend habe ich nie ein türkisches Mädchen mit Kopftuch gesehen.
Meine Tante ist mit einem Kroaten verheiratet, eine Cousine mit einem Italiener, eine andere mit einem Griechen. Ich selbst war in erster Ehe mit einem Albaner liiert. Für mich funktionierte Multi-Kulti. Das größte Kulturproblem, das ich in meiner Jugend mitbekam, war, dass meine Tante wieder arbeiten gehen wollte, weil ihr Mann arbeitslos geworden war, sie mit ihrer Ausbildung als Altenpflegerin aber problemlos einen Job bekam. Das fand ihr Mann nicht so lustig. Meine Tante setzte sich durch und ging arbeiten, er passte sich an.
Wer hat Multi-Kulti kaputt gemacht?
Als ich vor ein paar Jahren die alte Heimat besuchte und mir die Stätten meiner Jugend wieder ansehen wollte, schüttelten meine Schwestern den Kopf. „Nein, das willst du nicht.“ In der Zeitung lese ich von libanesischen Clans, die das Stadtviertel beherrschen. In einem Polizeipapier werden die Mitglieder so profiliert: „Sie sind demnach ausschließlich männlich, jung, die meisten zwischen 1990 und 1998 geboren, fast alle sind schon einmal bei der Polizei in Erscheinung getreten – meist wegen Raub, Diebstahl und Körperverletzung.“ Auffällig ist die offen zur Schau getragene Respektlosigkeit der Clans gegenüber dem Eigentum anderer, anderen Menschen und sogar der Polizei. Hier verdient man sich sein Geld mit Kriminalität und Drogenhandel, Gewalt gegen Personen gehört zum Tagesgeschäft. Solche Szenarien kannte ich früher nur aus amerikanischen Filmen.
Auffällig auch, dass immer mehr Kinder aus ausländischen Familien sehr schlecht Deutsch sprechen und reihenweise in den Schulen versagen. Die erste Generation Kinder, die nur die Schule und die Straße zum Lernen hatte, sprach perfekt Deutsch. Viele von ihnen machten Abitur, studierten und haben heute gute Jobs. Dieser exotisch aussehende Dentsche, dessen elterliche Wurzeln nicht auf deutschem Staatsgebiet liegen, gehört mit einer Selbstverständlichkeit zu diesem Land wie Brot und Wurst. Die Frage nach der Religion des dunkelhäutigen Kollegen vom Schreibtisch gegenüber stellte sich ausschließlich bei einer Essenseinladung. Sonst wusste man es eigentlich nicht. So wie mich im Alltag niemand fragt, ob ich Christin, und dann welcher Fraktion, bin. Die Aussage, der Islam gehöre zu Deutschland, war eigentlich falsch. Diese Menschen gehören zu Deutschland. Es war im Alltag über lange Zeit meist irrelevant, wer welche Religion hatte. Kaum jemand trug sie vor sich her, kaum jemand schmückte sich mit offensichtlichen Symbolen. Die Kommunionskettchen mit dem güldenen Kreuz waren genauso out wie Kopftücher oder Gebetsketten.
Ich suche die ganze Zeit nach dem Gamechanger. Wann hat sich das alles geändert? Wann hat die Verrohung unseres Landes begonnen und wo haben wir die Fehler gemacht? Heute spaltet sich das Land in Hassbürger und Gutmenschen. Die einen wollen eine Revolution, die unser ganzes bisheriges Werteschema mit einem Schlag beendet. Grenzen zu, raus aus Europa, Abschieben, was nicht zu 100% deutsch ist. Die anderen, so wie ich, möchten am liebsten die blaue Pille schlucken und zurück in die Matrix, die so vertraut und so schön war. Und dann sind da noch die Flüchtlinge, die ebenfalls in zwei Gruppen geteilt sind: die einen, die vor einem Krieg geflohen sind und Deutschland als sichere Zuflucht ansehen, die dankbar sind und still. Und die anderen, die Deutschland und seine Werte hassen, und nur kommen, weil man sich hier so schön bedienen kann. Sie halten unser Rechtssystem für einen Witz und strecken uns den Mittelfinger entgegen. Es ist ein Klima von Angst und Wut und Hass. Die Kommentare in den sozialen Medien und unter den Artikeln renommierter Medien sind unerträglich zu lesen. Kaum taucht ein Stichwort auf, ist der Mob schon da und zerreißt jeden noch so gut recherchierten Beitrag. Alles immer Lüge, wenn es von der ideologischen Gegenseite stammt.
Und unser Staat ist restlos überfordert.
Unser Rechtssystem kann mit echter krimineller Energie nicht umgehen
Unser System geht davon aus, dass die meisten Menschen ordentliche Bürger sind, die vielleicht in einem verzweifelten oder unbedachten Moment eine Straftat begehen. Falls jemand nicht in diese Gruppe fällt, muss er sehr krank sein und gehört eher in eine Klinik als ins Gefängnis. Unser System versteht nicht, dass es Menschen gibt, die unsozial sind. Die sich bereichern wollen und dabei buchstäblich oder metaphorisch über Leichen gehen.
Da gibt es Unternehmen und Bankenchefs, die sich am Rande der Legalität oder darüber hinaus bedienen und Menschen in den Ruin schicken. Mal betreiben sie „bloß“ Lobbyarbeit, mal langen sie direkt in die Kasse. Manchmal möchte man meinen, sie haben sich auch bloß auf der Party eine Line Koks gezogen und manipulieren dann mal so aus Spaß die Zinsen. Am Ende werden ihre Unternehmen gerettet, weil sonst noch mehr Schaden entsteht und sie selbst gehen mit einer großen Abfindung in der Tasche weiter zum nächsten Abenteuer. Unser System bestraft sie nicht, weil es nicht mal genau weiß, wo das Verbrechen entstanden ist und wie man es benennen soll. Geschweige denn, wie es nachzuweisen oder zu bestrafen wäre. Die Volksseele nimmt das übel, fühlt sich verraten und verkauft. Wozu hat man schließlich gewählte Politiker. Die sollen sowas durchschauen und etwas dagegen tun.
Da gibt es Menschen, die in Gegenden mit geringerem Zivilisationsniveau groß geworden sind. Entweder herrscht in ihrem Land Krieg oder sie kommen aus einem Staat ohne Sozialsystem, in dem sie verhungern, wenn sie nicht stehlen. Solche Länder gibt es zu Hauf. Als in Deutschland sozialisierte Menschen gehen wir Gutmenschen davon aus, dass die Leute hier sofort glücklich sein müssten. Endlich keine Gewalt mehr, wenn mir keiner was tut, muss ich auch keinem was tun. Endlich nicht mehr stehlen müssen. Weil das ja Sachen sind, die ein Mensch nicht machen will, die nicht in seiner Natur liegen. Und das ist der fatale Irrtum. Sie liegen in unserer Natur. Wenn wir mit unserer Sozialisation in Gegenden verschlagen werden, in denen nur Gewalt oder Stehlen das Überleben sichern, dann passen wir uns ganz schnell an. Der Mensch kann das, der ist so. Zivilisation ist etwas gelerntes, nichts genetisches. Wir gehen davon aus, dass jemand unsere tolle Zivilisation sieht und sich begeistert eingliedert. Falsch, er muss es lernen. Er muss lernen, dass sein altes Verhalten hier nicht zum Ziel führt, sondern ein neues Verhalten. Und das kann unser System aktuell nicht leisten. Es gibt Menschen, die naiv glauben, der Ankommende würde sich automatisch umstellen, man solle ihm einfach maximale Freizügigkeit gewähren. Und Menschen, die davon ausgehen, dass er das niemals tut, weil er das nicht will oder kann und ihn deshalb gleich wieder abschieben wollen. Beide Positionen sind dumm. Integration heißt hier Begleitung, Betreuung, Werte vorleben und nicht sich selbst überlassen. Bei Kindern macht man es, wir haben schließlich Schulpflicht. Bei Erwachsenen gibt unser System das nicht her. Und so verlieren wir manchen, der willig gewesen wäre und machen es dem, der ohnehin aus anderen Motiven kam, sehr einfach.
Die Polizei, die seit Jahrezehnten kaputt gespart wird, kann nur kopfschüttelnd zuschauen. Kein Wunder, dass auch in ihren Reihen Fremdenhass Einzug gehalten hat. Sie verhaften jemanden für einen Diebstahl, der erhält eine Woche Arrest und geht dann feixend von dannen. Sie wissen, sie sehen ihn wieder. Und sie wissen, es wird nicht bei einem Diebstahl bleiben. Aber es gibt keine Methode festzustellen, ob jemand unsere Gesellschaft vom Grunde her ablehnt oder das Rechtssystem nicht respektiert. Die gibt es nicht für Einwanderer und die gibt es nicht für Reichsbürger. Man kann sie nicht alle einsperren. Das Problem ist, dass hier Umerziehung nötig wäre, und da kräuseln sich einem echten Demokraten die Nackenhaare. Aber vielleicht ist es doch der richtige Ansatz, dass ein Neuankömmling über längere Zeit intensiv begleitet wird. Bis er wirklich angekommen ist in unserer Gesellschaft oder es klar ist, dass er das nie wird und dann geht er wieder. Ach, ich krieg selbst beim Schreiben Gänsehaut, aber etwas Besseres fällt mir gerade auch nicht ein. Einschränkung bei der Einwanderung, um danach maximale Freizügigkeit genießen zu können. Und ichj meine damit keine mengenmäßige Einschränkung. Wer kommen will, soll kommen, aber er muss in der ersten Zeit Beschränkungen hinnehmen.
Derlei Diskussionen über eine Veränderung führen wir aber nicht. Unsere Politiker haben offenbar überhaupt keine Idee dazu. Mutti will weiter an das Gute im Menschen glauben, was ich ihr einerseits hoch anrechne. Andererseits hilft nichts tun auch nicht weiter, dieses Problem heilt sich nicht von alleine. Auf der anderen Seite steht ein Seehofer, der es mit eisernem Willen geschafft hat, sich noch weiter rechts als die AfD zu stellen. Diese Art von Populismus ist brandgefährlich. Es formieren sich bereits erste Bürgerwehren, das Volk fühlt sich in seinem Hass und seiner Ablehnung bestätigt. Denn gegen brennende Asylbewerberheime sagt er nichts, gegen Übergriffe von Flüchtlingen aber sehr wohl.
Das wünsche ich mir
Ich wünsche mir, dass die Scheindebatten über den Kampf der Religionen oder den Kampf der Kulturen aufhören. Beides trifft nicht den Kern. Wir sind nicht primär von außen bedroht, sondern von innen. Einen Teil unserer Bevölkerung haben wir bereits an die Barberei verloren. Man hört sie auf den Straßen schreien genauso wie im Internet. Sie basteln Galgen und wünschen Journalisten schlimmste Dinge an den Hals. Einige von ihnen zünden Heime an, anderen rotten sich zu Bürgerwehren zusammen. Holen wir sie zurück in den Schoß der Zivilisation und nutzen die Chance, uns dabei gemeinsam weiterzuentwickeln oder geben wir auf und hoffen, dass wir als zivilisatorische Rumpftruppe bereits ausgestorben sind bevor Deutschland in finsterste Zeiten zurückfällt?
Ich möchte bitte: Die Regierung beruft eine Expertenkommission aus Sozialarbeitern, Polizisten, BAMF-Mitarbeitern, Richtern, Lehrern, Psychologen, Korrespondenten, Bürgern… Besetzung nicht nach Parteibuch oder politischen Befindlichkeiten, sondern es werden nur die genommen, die in ihrer Bewerbung nachweisen können, dass sie konstruktiv arbeiten wollen und eine Expertise mit einbringen können, und sei es nur der gesunde Menschenverstand. Und die arbeiten einen Plan aus, wie Integration in Deutschland heutzutage wirklich geht. Und dann wird der Plan umgesetzt. Schritt für Schritt. Vielleicht brauchen wir wieder deutlich mehr Polizei, vielleicht muss es einen neuen Beruf geben, jemanden, der aktive Integrationsarbeit macht. Die ganze Projektarbeit sollte von Anfang an transparent im Netz verfolgbar sein. Wo Bürger Vorschläge machen können oder ihre Meinung äußern (auch wenn das im Moment noch recht lästig ist). Vielleicht finden wir alle so zurück zur Schwarmintelligenz, wer weiß.
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