Katze im BaumIch sitze in der Badewanne. Vor mir in der geöffneten Schublade des Waschbeckenunterschranks Godmorgon liegt die kleine Katze Amy. Ein kurzer Moment der Ruhe bevor ihr wieder einfällt, sie könne auf dem Badewannenrand bestimmt einmal komplett herumlaufen. Oder sich draußen an der Garderobe den Mantel entlang nach oben ziehen.

Ich mag Baby-Katzen und ich mag große Katzen. Dazwischen liegt eine Zeit der Pubertät, in der meine Tierliebe auf die Probe gestellt wird. Amy ist sieben Monate alt und noch nicht kastriert. Sie ist kräftig und lebenslustig und versucht überall nach oben zu kommen. Im Schrank bietet sich ein langes Wollkleid an, an dem man guten Halt findet bis oben zur Stange. Wenn es nicht vom Bügel rutscht. Es gibt Tage, da hänge ich nach dem Aufstehen als Erstes meine halbe Garderobe wieder säuberlich auf die leeren Bügel.

Es muss auch ein tolles Vergnügen sein, vom Aquarium auf die Tür zu springen, um dort das eigene Schwänzchen zu jagen. Amy ist selbstbewusst und mutig. Und mein Nervenkostüm wird erheblich strapaziert. Mein Mann maßregelt mich dann immer. Die Katze solle ihre Fähigkeiten entwickeln dürfen, klagt er ein. Ich versuche, mich zusammenzureißen, aber die wirksamste Methode ist immer noch, einfach das Zimmer zu verlassen.

Mittlerweile glaube ich, die kleine Maus hat ihre Übungen längst zum Spiel mit mir gemacht. Meine maximale Aufmerksamkeit bekommt sie, wenn ich hinter ihr her laufe und sie Lieselotte, Lumpi oder Luder schimpfe, weil sie irgendwo rumklettert oder wieder etwas gemopst hat, das sie nicht haben soll.

Zum Glück habe ich keine Kinder. Die wären wahrscheinlich die vollen Schisser und die einzigen auf dem Spielplatz, die sich nicht trauen, irgendwo oben auf dem Klettergerüst herumzuturnen, weil ihre Mutter sonst wieder vor allen Leuten herumkreischt. Und warum? Weil ich so viel Höhenangst habe, dass mir schon schwindelig wird, wenn ich auf einen Stuhl steige.

Das war nicht immer so. Ich war als Kind zwar kein großer Klettermaxe, aber für das Geräteturnen in der Schule reichte es durchaus. Und dabei passierte es auch. Ich flog beim Felgaufschwung vom Stufenbarren, halb auf, halb neben die dünne Matte, die dort immer ausgelegt wurde. Gebrochen war nichts, aber ich hatte mir ordentlich weg getan und wahrscheinlich auch eine Art Schock. Noch schlimmer als die Schmerzen war aber, dass der Lehrer, der eigentlich zu meiner Sicherung am Gerät stand, mich nicht abgefangen hatte. Er hatte seiner Lieblingsschülerin zugesehen, die gerade an einem anderen Gerät turnte. Seine ausgestreckte Hand suggerierte Sicherheit, sein Kopf aber war abgewandt und ich stürzte an ihm vorbei ohne dass er überhaupt irgendwie nach mir griff, um meinen Fall zu bremsen. Wie ich heute weiß, fehlt mir Urvertrauen, was auf den doppelten Mutterverlust zurückzuführen ist. Es fällt mir nicht leicht, anderen zu vertrauen, und es geht sehr schnell, dieses Vertrauen bei mir wieder zu zerstören. Dem Lehrer hätte ich ab da nicht einmal mehr bei der Ansage der Uhrzeit vertraut, schon gar nicht mehr bei der Sicherung am Gerät. Als ich in der nächsten Stunde auf den Schwebebalken stieg, wackelte das ganze Gerät unter meinen zitternden Beinen derartig, dass an Turnen nicht mehr zu denken war. Das war das Ende meiner Geräteübungen und der Beginn einer verstärkten Höhenangst, die sich nunmehr nicht mehr nur auf große Höhen beschränkte.

Wenn ich heute eine Leiter benutzen muss, ist das für mich keine Selbstverständlichkeit, sondern ein aufwändiger Willensakt, der nur gelingt, wenn mein Dickkopf, mein Leben nicht nur von der Angst bestimmen zu lassen, gewinnt. Es gibt gute Tage und Tage, an denen die Glühbirne halt nicht ausgewechselt wird.

 

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