Depressiv in Nürnberg

Susi Sorglos bloggt

Schlagwort: Nürnberg

Frustfresser, oder der Löffel im Nutella-Glas

Ich habe Hunger. Oder Appetit. Oder Verlangen nach Essen. Oder einen Jieper. Immer.

Depressive Menschen leiden eher unter Appetitlosigkeit, lese ich oft. Ich wäre dankbar. Bei mir ist das Gegenteil der Fall. Eigentlich wäre ich eine Spitzenkandidatin für Bulimie, aber ich kotze nicht gern. Finde ich voll widerlich. Es gab eine Zeit, da wünschte ich mir, ich wäre dazu in der Lage. Dann könnte ich mir den Wanst vollschlagen und hinterher alles wieder rauswürgen. Tatsächlich konnte ich mir das aber nicht antrainieren. Selbst wenn mir aus gesundheitlichen Gründen mal schlecht ist, unterdrücke ich das Würgen und warte bis es zum Durchfall geworden ist.

Ist wahrscheinlich gut so. Man muss auch nicht jede Krankheit haben. Eine Model-Karriere war damit allerdings ausgeschlossen. Oder wegen meiner Größe oder meines Aussehens. Egal, wo waren wir?

Hunger. Es ist schlimm. Wenn ich auf der Arbeit bin oder sonstwie unterwegs, dann geht es eigentlich. Da kann ich auch mal den ganzen Tag gar nichts essen ohne dabei zu verhungern. Also rein körperliche Ursachen können wir getrost ausschließen.

Aber wenn man mich mit dem Kühlschrank allein daheim lässt, endet das regelmäßig in einem Massaker.

An guten Tagen Gemüse

Ich mag Gemüse. Und Salat. Und fettarmes Fleisch. An einem guten Tag mache ich mir, wenn ich Lust auf Essen habe, einfach mal einen kleinen Tomatensalat. Oder ich esse eine Banane. Oder eine Praline. Eine. Reicht.

Ich kann getrost auf ganz viele Kohlenhydrate verzichten. Und Fett muss nicht im Übermaß sein. Wenn es mir gut geht, esse ich gesund und in Maßen. Nicht aus einer rationalen Überlegung heraus, sondern einfach weil mir danach ist.

An schlechten Tagen Fett, Fett, Fett

Ich weiß, dass es mir ganz schlecht geht, wenn ich wieder mit dem Löffel im Nutella-Glas herumwühle. Ich kann das Zeug dann löffelweise. Oder ne Tafel Schokolade. Oder Mettenden. Pfui Deibel! Im Normalmodus würde es mir schlecht werden. Und zwar richtig. Im Depressions-Loch kein Problem. Da kann ich mich nicht bremsen.

Hinterher geht’s mir natürlich noch schlechter, denn ich weiß, dass es auch gleich wieder auf den Hüften landet. Aber ich kann mich nicht beherrschen. Sieht dann ungefähr so aus..

Als Kind gelernt

Als Kind ging es mir oft schlecht. Und ich kompensierte das mit Essen. Alleine in meinem Zimmer, ein Buch, Chips, Schokolade, Süßgetränke. Die Leere in meinem Bauch füllte ich mit Essen. Eigentlich ein Wunder, dass ich nicht schlimm fett geworden bin. Ich glaube, ich habe im Alter von 14 und 15 alles Geld, das ich mit dem Geben von Nachhilfe verdiente, für Essen und Comics ausgegeben. Und Papier und Stifte. Die mochte ich auch schon immer. Vielleicht hat das meinen BMI noch halbwegs gerettet. Und die Tatsache, dass ich damals wenigstens noch regelmäßig Sport machte. Mich im Sommer aus dem Schwimmbad zu kriegen, war Schwerstarbeit. :)

Erklären kann ich, woher es kommt. Ich weiß heute auch, dass es dämlich ist.  Und ich will dieses Verhalten auch nicht mehr. Aber kaum bin ich allein zuhaus, gehe ich zum Kühlschrank. An guten Tagen mache ich ihn auf und wieder zu. An schlechten Tagen nehme ich etwas heraus und esse das. Und 15 Minuten später wieder. Und wieder. Und wieder. Und wenn ich dann ein ganz schlechtes Gewissen habe und mich arg vollgefressen fühle, gehe ich zum Kühlschrank und esse erst mal was. Ich find’s cool, dass psychische Erkrankungen in sich so logisch sind.

Rauchen gegen das Fettwerden

Mit 18 beschloss ich, Raucherin zu werden. Bis 16 hatte ich mich immer dagegen verwehrt, hielt Vorträge über die gesundheitlichen Schäden, und wies jeden Anwurf von „Feigling, jetzt probier halt“ mit großer Geste von mir. Dann war die Zeit vorbei, in der die Schulkameraden probierten und mich damit trietzten. Und ich begann zu paffen, nicht zuletzt wegen des ersten Freundes. Es hielt sich mengenmäßig noch in Grenzen, aber mit 18 traf ich dann eine bewusste Entscheidung. Fett werden oder Zigaretten war die Wahl.

Die Zigaretten nahmen mir oft die Not, essen zu müssen. Daheim rauchten eh alle, ich also auch. Ich hätte es wissen können, dass ich sehr süchtig werden würde. Bis heute kann ich vom Nikotin nicht lassen. Ich konnte lediglich die Stinkerette gegen ein Dampfgerät austauschen; für mich schon ein großer Fortschritt.

Tatsache aber bleibt, dass ich extremes Suchtverhalten zeige. Eine Zeit lang war ich bezüglich meines Weinkonsums besorgt und kriegte zum Glück die Kurve. Ich bin sehr froh, dass ich nie härtere Drogen ausprobiert habe. Es hätte ein sehr schlimmes Ende mit mir nehmen können.

Selbstanalyse I

Modernes Büro

Bildquelle: RainerSturm / pixelio.de

Genug des Vorgeplänkels. Wird Zeit für harte Fakten. Ich bin seit geraumer Zeit ganz offensichtlich unzufrieden mit der Gesamtsituation. Nichts macht mehr Freude und so ziemlich alles tut mir weh. So wie es aussieht, ist sogar mein Blutdruck schlecht beinander. Ich habe keinerlei Lust auf irgend etwas. Ich schlafe schlecht. Meist viel zu wenig, was mich tagsüber schnell erschöpfen lässt. Und ich wache zu den unmöglichsten Zeiten auf.

Ich fühle mich gefangen in einer Situation, aus der es offenbar kein Entkommen gibt. Ich bin nicht Herr meiner Entscheidungen, sondern muss mich der Situation unterwerfen. Und das schon seit langer Zeit. Klar, ich könnte Entscheidungen treffen, aber der Preis ist mir zu hoch. Fremdbestimmung gehört für mich zu den schlimmsten Dingen auf der Welt. Das erinnert mich an meine Mutter. Ich leide. Höllenqualen. Und ich kann nicht einmal mehr darüber weinen.

Leider hat mich auch mein Glück verlassen. Früher konnte ich mich immer darauf verlassen, dass von irgendwo ein Lichtlein herkommt. Jetzt bleibt es dunkel. Oder es tutet. Gefühlt tutet es im Dunkeln. Vielleicht gab es das Lichtlein früher nur, weil ich doch bestimmte Entscheidungen getroffen oder mich auf eine positive Art verhalten habe, die mir jetzt verloren gegangen ist. Oder ich werde einfach alt.

Aber schauen wir einfach mal drauf.

Die Arbeit

Ende 2014 wurde es mir auf der Arbeit mal wieder langsam alles zu viel. Für eine Chefin zu arbeiten, die ganz offenkundig einen erheblichen Anteil Psychopath in sich trägt, das war nicht auszuhalten. Ich nenne sie jetzt mal Emma. So heißt sie natürlich nicht, hätte es aber verdient.

Emma ist äußerlich ein fröhlicher und freundlicher Mensch, jemand, für den man auf den ersten Blick gerne arbeiten möchte. Zumindest war das mein Eindruck im Vorstellungsgespräch. Ich hätte auf den kleinen Knubbel in meinem Magen hören sollen. Aber der Knubbel war nicht groß genug oder der Leidensdruck, einen neuen Job zu wollen, war größer. Deshalb fing ich bei ihr an. Sie erzählte viel und alles, was sie erzählte, klang erst einmal gut. Doch in der Praxis stellte sich schnell heraus, dass sie lediglich die Wörter benutzte, die politisch korrekt waren. In der Theorie führte sie partnerschaftlich, auf Augenhöhe, würde die Mitarbeiter sich entfalten lassen.

In der Praxis nahm sie ihre Mitarbeiter in Meetings mit 20 oder mehr Teilnehmern systematisch auseinander, mit immer abstruseren Forderungen, die sie nicht erfüllt hatten. In einem unbedachten Moment nannte sie es dann auch so wie sie das selbst sah: Erziehung. Sie war die Lehrerin, die Mutter, die Patronin. Und jedes Meeting ihr Klassenzimmer. Diese Rolle gefiel ihr. Fremschämen war an der Tagesordnung. Die meisten jungen Mitarbeiter, frisch von der Uni und auf Leistung getrimmt, versuchten alles, um ihr zu gefallen. Nein, ich werde das Wort „muss“ nicht mehr benutzen, Emma, ich muss das nicht, ich will das so. Danke, dass du mir die Bedeutung von Sprache so klar aufzeigst. Sie glaubten anfangs tatsächlich noch, sie könnten viel von ihr lernen. Im verzweifelten Wunsch, von ihr geliebt und in ihrer Leistung anerkannt zu werden, rieben sie sich auf in der Arbeit ohne jede Chance auf Erfolg. Etwas, das einen heutigen Jung-Wirtschaftsinformatiker schier in den Wahnsinn treibt. Du kannst es nicht richtig machen. Alle bisher gelernten Methoden, alles Wissen, alles Streben. Nichts, immer gibt’s ins Gesicht. Immer. Und danach eine Umarmung und die Versicherung, es geschehe ja nur zu ihrem Besten, damit sie viel lernen. Die Abgeklärtesten waren am schnellsten wieder weg.

Alle Mitarbeiter, die länger als ein Jahr da waren und/ oder älter als Mitte 30, waren bereits der Resignation anheim gefallen. In den Büros konnte man den Sarkasmus schon in Säcke abfüllen. Neben ihrer erzieherischen Anwandlung hatte Emma nämlich sonst nicht viel zu bieten. Ziele, Rahmenbedingungen, Strukturen. Fehlanzeige. Sie hatte ihre Abteilung in Teams strukturiert, aber sie hielt nach wie vor alle Meetings selbst mit den Mitarbeitern ab, Teamleiter mussten natürlich beisitzen. Sie bezeichnete sich als Projektleiterin des Gesamtprojekts, führte aber nie eine Projektleitertätigkeit aus. Emma gestaltete ihren Tag nach ihrer Lust und Laune. Entweder wurde den ganzen Tag gemeinsam am Konzept gearbeitet (mit 20 Leuten in einem Raum, Effizienz olé) oder es gab halt Sekt. Wenn ihr ein Vorgesetzter und ein hochrangiger Stakeholder aus einem anderen Bereich  etwas reindrückte, war es mit der Laune vorbei. Dann aber abtauchen.

Emma war im Grunde nicht verfügbar. Sie war den ganzen Tag in Terminen, höchstens mal unterbrochen von einem privaten Massage- oder Friseur-Termin oder einer Aura-Besprechung mit ihrer Seherin (ist kein Witz!). Wenn du sie brauchtest, um wirklich mal etwas zu besprechen oder eine Entscheidung zu holen, war es kaum möglich, irgendwo dazwischenzugrätschen.

Entscheidungen selber treffen? Emma predigte gerne vom verantwortungsbewussten und selbständigen Mitarbeiter. Aber in der Praxis wollte sie höchstpersönlich die Beschriftung jedes einzelnen Buttons im Userinterface selbst entscheiden. Das war nichts für Mitarbeiter, auch nicht für Teamleiter. Sowas durfte man sich nicht trauen ohne sie. Und obwohl sie alles selbst entschied, formulierte sie die Entscheidung dann stets so, dass „alle“ beteiligt waren. Falls also ein Kunde mal Kritik üben würde, könnte sie es dann immer noch dem zuständigen „Produktverantwortlichen“ in die Schuhe schieben. Was selbstverständlich auch genau so geschah. Verantwortung übernehmen. Ja, gilt für Mitarbeiter.

Emma warf mir einmal vor, ich säße wie eine Glucke auf meinen Mitarbeitern. Ich sagte ihr, das stimme. Ich beschütze meine Leute so gut ich kann. Ob sie wohl mit unseren Arbeitsergebnissen unzufrieden wäre? Nein. Gut, dann wäre alles in Ordnung, die Mitarbeiter würden ihre Glucke mögen. Unsere Gespräche liefen oft so und sie muss oft bereut haben, mich eingestellt zu haben. Wenn sie mich belehren wollte, ich solle das Wort „müssen“ nicht verwenden, sagte ich ihr, dass ich nicht vorhabe, mir Wörter stehlen zu lassen. Ich fände das Wort gut und es hätte für mich auch eine wichtige Bedeutung. Ich sagte oft Nein, ich widersprach bei so manchem Führungsthema und ich konfrontierte sie, wenn sie mal wieder jemanden zerlegt hatte. Was dann dazu führte, dass es nicht mehr machte, wenn ich dabei war. Aber immer, wenn ich nicht dabei war. Sie hatte also keine Einsicht, sondern war nur vorsichtiger.

Nun, Ende 2013 war das so. Und keine Aussicht auf Besserung. Ich hatte jegliche Identifikation mit dem Produkt und mit der Arbeit verloren und keine Hoffnung, nach zwei Jahren Kampf die Führungssituation von innen heraus zu verbessern. Einfach zum nächsten Chef weiterzuziehen, war mir auch keine Option mehr. Ich verstand nicht, warum Emma weder für ihren Führungsstil noch dafür, dass ihr großes Projekt bereits drei Jahre (in Worten: DREI JAHRE!) überfällig war, abgestraft wurde. Jeder wusste das. Ihr Chef, die Personalabteilung, der Betriebsrat. Meine Chefs davor waren ähnliche Kaliber, offenbar hatte man über Jahre einen bestimmten Typ von Menschen in den Assessment Centern herausgefiltert. Die Sozial-Idioten wurden immer mehr und ich war der Firma wirklich gram, dass sie so viele Blender und Nichtskönner, die ihre Macht durch Rhethorik und Tyrannei festigten, ins mittlere Management befördert hatte. Ich war müde, voller Hass und ohne Zuversicht.

Deshalb bemühte ich mich auch nicht, mich außerhalb zu bewerben. Ich steckte mitten in der Depression. So kann man sich nicht bewerben. Außerdem ist es ein erhebliches Risiko, irgendwo mit Probezeit neu anzufangen. Schon gar nicht, wenn du dir deiner selbst gerade nicht sehr sicher bist. Auf der Zielgeraden das hohe Gehalt und die Altersvorsorge verspielen? Nein, war keine Option.

Ich reichte einen Antrag auf Teilzeit ein bei gleichzeitigem Rücktritt aus der Führungsposition. Meine Idee war, sechs Stunden irgendeinen Job zu machen und nachmittags dann zwei Stunden meinen Mann in seinem Geschäft zu unterstützen. Bis alles geregelt war, wurde es Mitte des Jahres; seit 1. Juli 2014 bin ich nun auf Teilzeit. Das wird dann das nächste Kapitel…

Übrigens: Seit 1.1.2016 hat Emma einen neuen Job. Sie wurde „in ein anderes Projekt berufen, wo ihre Fähigkeiten dringend gebraucht würden“. Ja, unsere Firma ist nett zu den Abgesägten. Mehrere Mitarbeiterbefragungen mit schlechtesten Ergebnissen haben niemanden veranlasst, einzuschreiten. Aber 2015 war Gefährdungsanalyse. Blöd. Das ist viel verbindlicher. Und diese Gefährdungsanalyse hat erhebliche Risiken für die psychische Gesundheit der Mitarbeiter ergeben. Na sowas! Emma macht ihr Projekt zwar im Range einer Abteilungsleiterin (also mit vollen Bezügen), aber Mitarbeiter hat man ihr nicht gegeben. Ist schon gut, dass es Gesetze gibt, die Firmen gelegentlich zu etwas zwingen.

Der Mythos vom chemischen Ungleichgewicht

Muntermacher im Büro

Bildquelle: Dr. Klaus-Uwe Gerhardt / pixelio.de

Es gehört mittlerweile zu den „Volksweisheiten“. Eine Depression wird in der Regel durch ein chemisches Ungleichgewicht im Gehirn ausgelöst. Und das ist auch sehr praktisch. Diagnose stellen, Pille wählen, Patient gesund.

Ach, nicht? Komisch. Meist beginnen für Depressive mit den Pillen erst die richtigen Nöte. Spätestens dann, wenn sie sie wieder absetzen wollen und die Abhängigkeit sie daran hindert. Wenn sie vorher dachten, sie hätten Probleme, dann wissen sie jetzt, was richtige Probleme sind.

Liest man sich in die Thematik mal ein bisschen ein, stellt man schnell fest, dass es bis heute keine Erkenntnisse über dieses ominöse chemische Ungleichgewicht gibt. Es lässt sich nicht feststellen, nicht messen, nicht nachweisen. Die Argumentation geht eher so rum: Patient bekommt Pille. Patient will Pille absetzen und es geht ihm furchtbar. Nimmt Patient die Pille weiter, geht es ihm besser. Schlussfolgerung: Mit Pille geht es dem Patienten besser. Pille gut. Und weil die Pille ja die Neurochemie im Gehirn verändert, muss diese vorher falsch gewesen sein. q.e.d.

Antidepressiva gehören zu den schlimmsten Drogen mit den härtesten Nebenwirkungen.  Und ohne Psychotherapie ist dem Patienten überhaupt nicht geholfen. Denn diese Pillen bekämpfen keine Ursachen, obwohl sie die Chemie im Hirn intensiv verändern. Sie dämpfen vielleicht die krassesten Auswirkungen und mögen in Einzelfällen den Zugang zu einer Therapie überhaupt erst ermöglichen. Aber sie helfen wahrscheinlich mehr dem medizinischen Personal, das in den Kliniken mit der Vielzahl von Patienten mit schweren psychischen Störungen zeitlich völlig überfordert wäre.

Die amerikanische Food and Drug Administration sagt, dass nur knapp über die Hälfte (51%) der klinischen Studien zu positiven Ergebnissen kommt. Die Chance, dass mir ein Antidepressivum hilft, liegt als bei 50:50. Die Chance, dass ich mir eine der Nebenwirkungen einhandle…

Warum denken dann so viele Menschen, allen voran die Ärzte, dass Antidepressiva sehr wirksam sind? Weil es viel leichter ist, in Fachpublikationen positive Studienergebnisse zu veröffentlichen. Und wurde eine klinische Studie vom Hersteller selbst initiiert und mit unzureichendem Ergebnis abgeschlossen, hat der natürlich überhaupt kein Interesse, das auch noch in die Welt hinauszuposaunen. Folglich werden die Erfolgsgeschichten über Gebühr oft verbreitet, die Misserfolge fallen unter den Tisch. So sieht es im Ergebnis so aus als wären Antidepressiva zu über 90% nützlich.

Ich hatte mal darüber nachgedacht

Mein Hausarzt hatte mir vor einiger Zeit Johanniskraut verschrieben und ich hatte das Gefühl, es würde mir helfen. Er hatte gesagt, es wirke erst nach ca. 6 Wochen, ich meinte aber bereits nach 1 Woche, es ginge mir besser. Meine Stimmung schien mir nicht mehr so gedrückt, die Gedanken kreisten nicht mehr nur abwärts.

Gegen die Schmerzen hilft es aber überhaupt nicht. Deshalb war ich durchaus geneigt, mich mit Psychopharmaka auseinanderzusetzen. Obwohl ich das instinktiv bislang abgelehnt habe. Aber manchmal bist du einfach auch an einem Punkt, wo du nichts anderes willst als dass es aufhört. Eine Arbeitskollegin, die ein Antidepressivum nimmt, schien zuerst auch eine gute Referenz. Bis sie mir erzählte, dass sie im Rahmen ihrer Therapie auf die halbe Dosis reduzieren sollte und einen massiven Rückfall in die Depression erlebte. So hart, dass der Arzt sie sofort wieder auf die volle Dosis zurücksetzte. Und je mehr ich lese, desto sicherer bin ich mir, dass es ohne gehen muss. So schlecht geht es mir auch wieder nicht. Den Kampf muss ich wohl so austragen.

Und auch das Johanniskraut liegt wieder nur im Schrank rum. Im Vorfeld zu meiner OP informierte ich meinen Gynäkologen und meinen Anästhesisten darüber. Beide waren mäßig begeistert. Der Anästhesist wollte sich nicht 100% festlegen, murmelte aber etwas von, es gäbe ein paar neue Erkenntnisse hinsichtlich Blutverdünnung, ob ich denn nicht verzichten könnte. Der Gynäkologe war deutlicher: Mistzeug, das sogar Krebsmedikamente aushebeln kann. Und das bei reinem Placeboeffekt. Ich soll den Scheiß lassen!

Klar, der Gynäkologe ist jetzt nicht die allererste Referenz für die Hirnchemie, aber wenn seine Meinung so deutlich ausfällt, kann man zumindest mal recherchieren und sich eine qualifiziertere Meinung bilden. Tja, und das habe ich jetzt getan.

Wie Gulasch kaufen zur Herausforderung wird

Gulasch

Bildquelle: Grey59 / pixelio.de

Genug prokrastiniert. Die OP ist jetzt schon einige Tage her und seitdem bin ich krankgeschrieben. Also eigentlich genug Zeit, um zu schreiben. Keine Ahnung, warum ich nicht in Stimmung war.

Eigentlich geht es mir gut. Die OP war ohne Komplikationen und mein gutes Heilfleisch tut sein übriges. Ich darf mich nur nicht anstrengen, damit nichts aufgeht. Deshalb soll ich meine Zeit möglichst auf dem Sofa verbringen und die Füße still halten. Was durchaus schwer fällt, wenn man das Gefühl hat, dass alles toll lief und bei dieser Art von OP auch kein Wundschmerz auftritt.

Deshalb habe ich heute Morgen auch beschlossen, einkaufen zu gehen. Die letzten Tage hat das mein Mann übernommen. Aber dann kommen die Lebensmittel erst abends und ich hatte spontan Lust auf Gulasch, das dann doch ein bisschen Kochzeit braucht.

Auf in den Kampf

Beim Anziehen war ich schon ein bisschen nervös. Nach ein paar Tagen auf dem Sofa war die Überwindung groß, wieder vor die Tür zu gehen. Es ist immer eine Herausforderung für mich, aber es fällt mir doch leichter, wenn ich jeden Tag zur Arbeit gehe. Die Hemmschwelle liegt niedriger. Ein paar Minuten mit dem Auto, ein kurzer Einkaufszettel mit wenig Positionen, denn ich darf ja nicht schwer tragen und die Tasche muss immerhin rauf in den 3. Stock. Im Grunde eine leichte Aufgabe, aber heute war sie das gar nicht.

Je früher je besser, dachte ich mir, und stand um 7 Uhr gestriegelt und gebügelt in der Tür. Einmal tief durchschnaufen und raus in den Hausflur. Bereits beim Runterlaufen fühlten sich meine Knie gummig an als wollten sie jeden Moment nachgeben. Zwischen dem 3. und dem 2. Stock hielt ich kurz inne und rief mich innerlich zur Ordnung. Es ging etwas besser. Bis zum 1. Stock jedoch war ich sicher, dass ich unterwegs einem Blutsturz oder einem Kreislaufkollaps oder beidem erliegen würde. Es kostete mich viel Überwindung, weiterzugehen statt umzukehren.

Im Auto angekommen war mir kurz ein bisschen wohler. Wahrscheinlich war es das seit Tagen eher vertraute Sitzen, das mich beruhigte. Doch wie immer meldeten sich nach dem Losfahren die bekannten Autofahren-Symptome zurück. Mein Rücken wurde zu einer einzigen großen Verspannung. Vom Hals bis zum Steiß ein Schmerz wie ein gigantischer Muskelkater. Ein Schmerz, der sich aber durch Gewichts- und Sitzverlagerung temporär an wechselnden Stellen bündeln lässt. Dort dann zwar als stechender oder krampfartiger Schmerz, aber immerhin nur an einer Stelle.

Ob das nicht alles schon viel zu anstrengend wäre, fragte ich mich beim Einparken vor dem Supermarkt. Ob es wirklich gut wäre, jetzt auch noch durch den Supermarkt zu laufen. Kein Zurück jetzt!

Die nächste Krise an der Fleischtheke. Morgens um 7 Uhr 5 steht tatsächlich jemand vor dir an der Fleischtheke. Ist das statistisch möglich? Stehen, auf einer Stelle. Nicht zu viel herumwippen, wie sieht denn das aus? Aber ganz still stehen führt garantiert zum Umfallen. Mindestens jedoch zu Rückenschmerzen. Sechs Rouladen später konnte ich aber schon mein Gulasch ordern und etwas Hackfleisch für die Katzen.

An der Kasse wieder eine Schlange und genug Zeit, schwerwiegend zu erkranken. Ich bin wirklich dankbar, dass die Kassiererinnen hier so schnell arbeiten.

Zuhause dann langsam in den 3. Stock zurück. Einen Schritt nach dem anderen. Gaaanz langsam. Das Leben kann sehr anstrengend sein.

Den Rest des Tages verbrachte ich damit zu kontrollieren, ob mein Ausflug Schäden hinterlassen hat. Da ich nicht ins Höschen blute, verblute ich wahrscheinlich nach innen. Und mit Gulasch kochen. War lecker.

Ich würde mir das gerne in mein Hirn hämmern. Wieder nichts passiert. Alles ok. Gehe hinaus und freue dich des Augenblicks. Immerhin esse ich noch Gulasch. Ist doch auch gut.

Aus Versehen Vorfreude gehabt

Kleine Angsthasen

Bildquelle: Rike / pixelio.de

Es ist nur ein kleiner Eingriff. Konisation am Gebärmutterhals. Böses Gewebe wird entfernt. Wenn ich Glück habe, war es das dann auch. Angeblich geht das alles innerhalb von 30 Minuten inkl. Begrüßung und Narkose setzen.Und ich mach mir so dermaßen ins Hemd!

Rein rational gibt es überhaupt keinen Grund zur Aufregung. Weder bin ich ein Allergien-Mutterschiff noch neige ich zum Verbluten noch gibt es sonst irgendwelche Gründe, warum ein solcher Routineeingriff morgen ausgerechnet bei mir schief gehen sollte. Aber trotzdem kann ich seit einer Woche kaum einen anderen Gedanken fassen. Außerdem habe ich dauernd Kopfschmerzen seit ich weiß, dass ich kein Aspirin nehmen darf vor der OP. Unnötig zu erwähnen, dass ich sonst vielleicht mal eine Aspirin im Quartal nehme, oder? Meine Schmerzen in Rücken, Nacken und Armen sind unerträglich.

Ich hätte mir die Aufregung gerne wenigstens bis heute aufgehoben, bin ja sonst auch ein guter Verdränger. Aber ich habe einen Fehler gemacht. Ich wollte es mir schön reden. 1 – 2 Tage Klinikaufenthalt hat der Arzt angeordnet und ich dachte mir, ich könnte mir das wie einen Kurzurlaub vorstellen. Einzelzimmer mit Hotelqualität. Ins Bett flacken und was lesen. Keine Verpflichtung, nicht mal Katzen füttern. Und es kam so etwas wie Vorfreude auf.

Tja, und das war es dann. Ich und Vorfreude. Das geht nicht. Ab dem Moment, ab dem ich mich auf etwas freue, habe ich Angst, dass es nicht eintritt. Das Bibbern vor der OP war das eine Problem, nun kam hinzu, dass ich Angst hatte, ich könne die OP gar nicht antreten. Zum Beispiel weil ich außerhalb der Zeit meine Tage kriege. Regulär sind die nächste Woche wieder dran. Oder dass ich bestimmt viel zu hohen Blutdruck habe (ich neige dazu) und nun nicht einmal Aspirin nehmen kann, um mein Blut zu verdünnen. Vielleicht erliege ich vorher noch einem Schaganfall. Meine Nerven sind so angespannt, dass ich eine Skala dafür erfinden müsste.

Vorfreude sei die schönste Freude, sagt der Volksmund. Im Rahmen einer langen Gesprächstherapie fand ich vor vielen Jahren heraus, warum das für mich nicht gilt. Immer wenn ich mich in meiner Kindheit und Jugend auf etwas freute, machte meine Mutter es zu ihrem Instrument.

Vorfreude macht erpressbar

Es war schon schwer genug, für eine Veranstaltung, z. B. die Geburtagsparty einer Freundin, eine Zusage zu bekommen. Stets war ich die letzte, die mitteilen konnte, dass sie dabei wäre. Und die Zusage war von Anfang an an Bedingungen geknüpft. Du kannst am Samstag hingehen, wenn du freiwillig und ohne Widerrede diese oder jene Besorgung oder noch mehr Hausarbeit machst oder wenn du auf diesen Film verzichtest. Im Laufe der Zeit wurden die Bedingungen dann immer umfangreicher. Je früher ich um Erlaubnis fragte, umso länger war die Zeit, in der ich erpressbar war. Denn die gegebene Zusage war keineswegs sicher.  Je mehr ich mich auf das Ereignis freute, desto häufiger machte sie mir das bewusst. „Wenn du nicht sofort den Müll runterbringst, kannst du dir die Party abschminken. Nein, nicht in 5 Minuten, sofort!“

Mit der Zeit lernte ich, so spät wie möglich zu fragen. Und ich lernte, meine Vorfreude nicht zu zeigen. Was aber dennoch blieb war die Angst, ich könne auf den letzten Drücker noch einen Fehler machen und dann dürfte ich nicht. Vorfreude und Angst wurden so stark miteinander verknüpft, dass sie heute nicht mehr trennbar sind. Je schöner etwas ist, je mehr ich mich darauf freue, desto schlimmer leide ich. Ich arbeite so gut ich kann mit Verdrängung dagegen, aber das klappt nicht immer und es ist auch nicht hilfreich. Z. B. wenn du heiraten willst und einfach Vorbereitungen zu treffen sind.

Auf die Frage, ob ich mich denn auf dieses oder jenes Event freue, sage ich immer artig Ja. Aber das ist zum Zeitpunkt der Antwort so meist nicht wahr. Oft beneide ich die Leute um ihre Vorfreude. Ist bestimmt schön.

Katzenpubertät und Höhenangst

Katze im BaumIch sitze in der Badewanne. Vor mir in der geöffneten Schublade des Waschbeckenunterschranks Godmorgon liegt die kleine Katze Amy. Ein kurzer Moment der Ruhe bevor ihr wieder einfällt, sie könne auf dem Badewannenrand bestimmt einmal komplett herumlaufen. Oder sich draußen an der Garderobe den Mantel entlang nach oben ziehen.

Ich mag Baby-Katzen und ich mag große Katzen. Dazwischen liegt eine Zeit der Pubertät, in der meine Tierliebe auf die Probe gestellt wird. Amy ist sieben Monate alt und noch nicht kastriert. Sie ist kräftig und lebenslustig und versucht überall nach oben zu kommen. Im Schrank bietet sich ein langes Wollkleid an, an dem man guten Halt findet bis oben zur Stange. Wenn es nicht vom Bügel rutscht. Es gibt Tage, da hänge ich nach dem Aufstehen als Erstes meine halbe Garderobe wieder säuberlich auf die leeren Bügel.

Es muss auch ein tolles Vergnügen sein, vom Aquarium auf die Tür zu springen, um dort das eigene Schwänzchen zu jagen. Amy ist selbstbewusst und mutig. Und mein Nervenkostüm wird erheblich strapaziert. Mein Mann maßregelt mich dann immer. Die Katze solle ihre Fähigkeiten entwickeln dürfen, klagt er ein. Ich versuche, mich zusammenzureißen, aber die wirksamste Methode ist immer noch, einfach das Zimmer zu verlassen.

Mittlerweile glaube ich, die kleine Maus hat ihre Übungen längst zum Spiel mit mir gemacht. Meine maximale Aufmerksamkeit bekommt sie, wenn ich hinter ihr her laufe und sie Lieselotte, Lumpi oder Luder schimpfe, weil sie irgendwo rumklettert oder wieder etwas gemopst hat, das sie nicht haben soll.

Zum Glück habe ich keine Kinder. Die wären wahrscheinlich die vollen Schisser und die einzigen auf dem Spielplatz, die sich nicht trauen, irgendwo oben auf dem Klettergerüst herumzuturnen, weil ihre Mutter sonst wieder vor allen Leuten herumkreischt. Und warum? Weil ich so viel Höhenangst habe, dass mir schon schwindelig wird, wenn ich auf einen Stuhl steige.

Das war nicht immer so. Ich war als Kind zwar kein großer Klettermaxe, aber für das Geräteturnen in der Schule reichte es durchaus. Und dabei passierte es auch. Ich flog beim Felgaufschwung vom Stufenbarren, halb auf, halb neben die dünne Matte, die dort immer ausgelegt wurde. Gebrochen war nichts, aber ich hatte mir ordentlich weg getan und wahrscheinlich auch eine Art Schock. Noch schlimmer als die Schmerzen war aber, dass der Lehrer, der eigentlich zu meiner Sicherung am Gerät stand, mich nicht abgefangen hatte. Er hatte seiner Lieblingsschülerin zugesehen, die gerade an einem anderen Gerät turnte. Seine ausgestreckte Hand suggerierte Sicherheit, sein Kopf aber war abgewandt und ich stürzte an ihm vorbei ohne dass er überhaupt irgendwie nach mir griff, um meinen Fall zu bremsen. Wie ich heute weiß, fehlt mir Urvertrauen, was auf den doppelten Mutterverlust zurückzuführen ist. Es fällt mir nicht leicht, anderen zu vertrauen, und es geht sehr schnell, dieses Vertrauen bei mir wieder zu zerstören. Dem Lehrer hätte ich ab da nicht einmal mehr bei der Ansage der Uhrzeit vertraut, schon gar nicht mehr bei der Sicherung am Gerät. Als ich in der nächsten Stunde auf den Schwebebalken stieg, wackelte das ganze Gerät unter meinen zitternden Beinen derartig, dass an Turnen nicht mehr zu denken war. Das war das Ende meiner Geräteübungen und der Beginn einer verstärkten Höhenangst, die sich nunmehr nicht mehr nur auf große Höhen beschränkte.

Wenn ich heute eine Leiter benutzen muss, ist das für mich keine Selbstverständlichkeit, sondern ein aufwändiger Willensakt, der nur gelingt, wenn mein Dickkopf, mein Leben nicht nur von der Angst bestimmen zu lassen, gewinnt. Es gibt gute Tage und Tage, an denen die Glühbirne halt nicht ausgewechselt wird.

 

Bildquelle: NicoLeHe / pixelio.de

Öffentliche Depression – nein, danke!

Journalistische Artikel, die sich mit dem Thema Depression befassen, kommen zurzeit immer zu dem Schluss, die Krankheit dürfe nicht mehr tabuisiert werden. Betroffene sollten sich outen. Besonders beliebt ist das Outing bei Journalisten, die daran leiden. Und in ihrer Welt mag das auch richtig sein.

Ein Arbeitnehmer muss seinem Arbeitgeber, mindestens seinem direkten Vorgesetzten, erklären, warum er krankgeschrieben ist. Niemand sagt: „Hey, ich bin die nächsten Monate mal weg, aber ich sage euch nicht, warum.“ Insofern werden die meisten Menschen es ihrem Chef wohl sagen.

Für Journalisten bedeutet das dann sicher, dass der Chef ganz begeistert vorschlägt, man könne die persönlichen Erfahrungen doch gleich mal in einem Artikel verarbeiten. Und vielleicht ist es auch ein bisschen Berufsehre, dass betroffene Journalisten sich selbst auferlegen, die Krankheit zu thematisieren. Reportage direkt aus dem Krisengebiet.

Aber dennoch versteht es niemand

Wer nicht betroffen ist, tut sich schwer mit dem Verständnis. Selbst als Betroffener hadert man oft genug mit sich selbst, verlangt von sich mehr Selbstdisziplin oder sitzt in der Ecke und versucht wie ein Depp positive Denkkräfte zu aktivieren, um sich selbst zu heilen. Wie sollen dann Dritte verstehen, was Depression mit ihren vielen Facetten bedeutet? Sie lesen die Geschichten, aber es braucht schon sehr viel Empathie, um sich hineinzufühlen. Ich behaupte sogar: nur wer ein gerüttelt Maß an Zuneigung für die Person hat, der wird sich über die Wörter hinaus einfühlen wollen. Wer die Person nicht kennt, für den bedeuten auch schön aufbereitete journalistische Geschichten nichts.

Im Gegenteil. Gerade oberflächliche Manager haben keine Zeit und keine Lust, sich mit so einem Krankheitsbild auseinanderzusetzen. Ich hatte mal einen Abteilungsleiter, der hatte sich beim ersten Fall von Burnout in seiner Abteilung bei einem befreundeten Psychologen erkundigt, was er davon halten solle. Der Psychologe erklärte ihm, dass es bei psychischen Beschwerden nie allein die Arbeit wäre, es kämen stets mehrere Aspekte zusammen und am Ende müsse der Betroffene da primär alleine durch. Ich bin sicher, der Psychologe hat nicht eindimensional geredet, aber das Einzige, das hängen blieb, war, dass der Chef alleine ganz bestimmt nicht Schuld ist, man ihm also nicht am Zeug flicken konnten und der Freibrief, dass der Betroffene da alleine durch muss. Und das war dann auch seine neue Standard-Reaktion. Der Mitarbeiter solle schauen, „dass er das in den Griff kriegt“ und erst wieder vorstellig werden, wenn er wieder ok wäre. Keine Empathie, kein Verständnis, keine Angebote. War der Mitarbeiter anwesend, musste er funktionieren und zwar bitte so, wie man das vor seinem Burnout von ihm gewohnt war. Ansonsten solle er halt wieder den Arzt aufsuchen. Statt Empathie Distanz und Liebesentzug.

Dieser Abteilungsleiter war eine Zeit lang auch mein Chef. Ich hatte bei ihm einen Stein im Brett. Kein Wunder, ich arbeitete auch wie eine Gestörte, führte zwei Teams mit unterschiedlichen Aufgabenbereichen. Bis es auch mir die Füße wegzog. Tatsächlich war ich körperlich so erschöpft, dass mich meine Mitarbeiter dreimal innerhalb kurzer Zeit nach Hause fahren mussten. Und dann kamen die Panikattacken, längst vergessene und überwunden geglaubte Probleme. Ich sprach meinen Chef an und erklärte ihm, dass ich nur noch ein Team führen könne. Damals war ich so naiv zu glauben, die Tatsache, dass er mich so gern mochte, würde ihn verständnisvoll stimmen und er würde mich unterstützen, möglichst schnell wieder auf die Beine und in ein vernünftiges Maß an Arbeit zu kommen. Aber wie das halt so ist bei diesem Menschen: wenn du mir nützt, nenne ich dich Freund, nützt du mir nicht, kannst du mir gestohlen bleiben. Die klare Ansage, ich solle das gefälligst in den Griff kriegen, war noch das Harmlosese, was er mir antat. Ich fühlte mich in den Monaten danach häufig als würde er mit einem Panzer über mich drüber rollen. Ich verließ meine Teams und ging woanders hin, weil ich wusste, ich war für sie eher zur Gefahr geworden als dass ich ihnen Gutes tun konnte. Wo ich vorher bei Anfragen nach einer Prämie oder Gehaltserhöhung kaum argumentieren musste, weil ich als kompetente Chefin, von der er so viel hielt, doch genau wusste, wie ich meine Mitarbeiter einzuschätzen hätte, war jetzt ein Vorschlag meinerseits für eine Zuwendung Auslöser dafür, dass er begann, den Mitarbeiter unter die Lupe zu nehmen und fertig zu machen. Mit dem Ziel, mir nachzuweisen, dass ich völlig untauglich bin.

Ab da war ich sehr vorsichtig. Während ich meine Mitarbeiter stets ermutigte, sich mir gegenüber zu öffnen, damit ich sie wenigstens in kritischen Momenten unterstützen konnte, hielt ich stets den Mantel des Schweigens sowohl über meine eigenen inneren Kämpfe als auch über die psychischen Probleme meiner Mitarbeiter. Ich nahm schon mal die der Schweigepflicht unterlegenen Beratungsmöglichkeiten der Betriebsärztin in Anspruch, aber niemals mehr fragte ich einen direkten Vorgesetzten nach Unterstützung.

Die „Normalen“ können damit nicht umgehen

Auf die Frage „Wie geht es dir?“ möchten wir doch immer nur die Antwort „Gut!“ hören. In Franken darf man auch – mit einem Lächeln – „Bassd scho“ sagen. Denn ein Passt schon ist beim Franken das Gleiche wie ein Gut. Die meisten Menschen sind heutzutage so mit ihren eigenen Sorgen und Nöten beschäftigt, dass sie nur mäßig Interesse daran haben, wenn die Nachbarin über ihre schmerzenden Beine klagt. Vor allem natürlich wenn die schmerzenden Beine etwas chronisches sind, das häufiger thematisiert wird. Einmal hören wir uns die Geschichte an, danach verkneifen wir uns die Frage nach dem Befinden und hasten lieber schnell vorbei.

Stark zugenommen hat auch die Unterstellung, die Leute wären ja selbst Schuld an ihren Krankheiten, egal welcher Art. Und deshalb sollen sie mir jetzt nicht die Ohren volljammern. Hätten sie mal rechtzeitig auf ihre Gesundheit geachtet oder würden sie jetzt mal die Backen zusammenkneifen, dann, ja dann müssten sie auch nicht lamentieren. Irgendwie hat sich in unserer Gesellschaft der Gedanke, dass jeder seines Glückes und seiner Gesundheit Schmied ist, schon hart festgesetzt. Also wenn du Probleme hast, dann gehe hin und mach was dagegen. Und erzählen darfst du mir nur davon, wenn du tolle Fortschritte machst. Dann kann ich dich loben und mich mit dir darüber freuen, was ja eine tolle Anteilnahme meinerseits ist. Dann fühlst du dich gut und ich fühle mich gut, eine Win-Win-Situation. Aber ich will nicht hören, dass deine Tabletten nicht anschlagen oder dass du sie nicht nimmst, weil du Angst hast oder du deinem Arzt nicht vertrautst und dir erst einmal einen neuen suchen wolltest, wenn du wüsstest… Nee, also reiß dich mal zusammen! Neuerdings schreiben auch immer mehr „kluge“ Leute, man solle sich, wenn man wirklich erfolgreich und glücklich werden will, von negativen Menschen fern halten. Die zögen einen nur runter.

Witzig ist dabei, dass das deutsche Gemüt aber eigentlich mit der Gewissheit aufgewachsen ist, dass immer die anderen Schuld sind an der eigenen Misere. Es ist nicht mein Zigarettenkonsum, der mir Krebs gemacht hat, sondern die Emissionen des nächsten Chemiewerks. Das ist eigentlich deutsches Gedankengut. Und stimmt auch immer für mich, für den anderen aber nicht, der ist wieder selber Schuld. 😀

Wir haben einerseits also die glücklichen und erfolgreichen, die die Kraft und Ausdauer hätten, mich bei der einen oder anderen Gelegenheit einfach mal kurz bei der Hand zu nehmen, damit ich einen entscheidenden Schritt gehe. Oder die mir einfach ein bisschen ihrer Unbeschwertheit überlassen könnten, damit mein dunkler Keller etwas erhellt werde. Das sind die, die glauben, dass ich selbst Schuld bin und sie halten sich lieber von mir fern, damit ich sie nicht hinabreiße in ein finsteres Loch. Oder sie geben mir Ratschläge wie „mach doch mal mehr Sport oder Entspannungsübungen“.

Die anderen, die der Meinung sind, alle anderen wären Schuld, die schließen sich mir vielleicht an. Dann können wir gemeinsam auf die Pharmaindustrie schimpfen oder sonstige Großkonzerne oder einfach auf unsere Eltern, vielleicht entwickeln wir auch gemeinsam eine Verschwörungstheorie. Aber wird mich das auf Dauer retten? Wohl eher nicht.

Und so wird der Kreis der Menschen, mit denen ich mich ernsthaft unterhalte, immer kleiner. Der Kreis der Menschen, denen ich etwas über meine psychischen Beschwerden mitteile, ist winzig. Und er besteht ausschließlich aus Leuten, die wissen, wovon ich rede.

Noch viel mehr reden, aber immer geschützt

Es ist gut über psychische Krankheiten zu reden. Egal über welche. Offen und ehrlich. Und öffentlich wie in Blogs, damit sich andere, die alleine zuhause sitzen, ein Bild machen können, dass sie nicht alleine sind.Hier könnten die Beiträge meines Erachtens noch detaillierter und persönlicher sein. Viel zu oft bleiben Artikel oder Blogs an der Oberfläche, sind zu pauschal. Der Grund ist meines Erachtens, dass niemand so ins Detail gehen will, wenn sein echter Name darunter steht. Zu leicht wird man danach zum Opfer, gibt den weniger freundlich gesonnenen Menschen gerade noch die Waffen in die Hand, mit denen sie einen verletzten können.

Deshalb: Ich tausche mich gerne mit einem Avatar aus. Es ist egal, ob jemand Peter oder Weihnachtsmann54 heißt. Wenn wir auf Augenhöhe diskutieren können, dann ist mir der eine Name so gut wie der andere.

Warum ich stets schwer krank bin

Das Wesen des Hypochonders ist, dass er Angst hat, krank zu sein. Und nicht nur ein bisschen, sondern ganz schlimm krank.

Ich war schon immer jemand, der in sich hineinhorcht. Und manches Mal schien das auch gut so. Jedenfalls in meiner Erinnerung. Man macht selten eine Statistik, um dann festzustellen, dass man lediglich ein paar Zufallstreffer gelandet hat. Nein, die wenigen Treffer werden zur Gewissheit, dass man ein drittes Auge hat, den 6. Sinn oder zumindest die (übersinnliche) Fähigkeit, im eigenen Körper Krankheiten aufzuspüren.

Und ich habe Rücken. Als ich mit Mitte 20 zum ersten Mal Probleme mit dem Rücken hatte, äußerte sich das in einem stechenden Schmerz unterhalb der Rippen. Ich war sicher, entweder eine Rippenfellentzündung zu haben oder etwas am Herzen. Meine Ärztin wies mich an, mich gerade hinzusetzen und drückte dann mit geübtem Griff auf einen Wirbel. JESUS! Ok, ich glaub’s, es kommt vom Rücken.

Danach hatte ich immer wieder mal Sorge, ich könnte eine Unterleibserkrankung haben, weil es so furchtbar zog. Abgesehen von einem Mal, das sich auch ganz anders anfühlte und wirklich eine Blasenentzündung war, war die Diagnose des Gynäkologen stets: das sind die Muskeln. Mehr Sport wäre gut, dann ziept’s auch nicht mehr.

Vom Dauergast zum Verweigerer

Einerseits bin ich nach so einer Diagnose massiv erleichtert, andererseits ist mir das auch peinlich. Als Hypochonder oder wenigstens als leicht hysterisch will ich schließlich auch nicht dastehen. Deshalb habe ich versucht mir anzugewöhnen, alle Zipperlein auf Rücken oder Muskeln zu schieben und nicht mehr dauernd zum Arzt zu rennen. Das ging eine lange Zeit auch ziemlich gut. Massagetermine ausmachen, wenn mal wieder geschludert, und Magnesium schlucken. Seltsamerweise führte das bei mir zu einer anderen Sicht der Dinge: gehe nicht zum Arzt, er könnte ja etwas Schlimmes finden. Logisch? Sicher.

Die Angst, überhaupt zum Arzt zu gehen, wurde mit der Zeit immer schlimmer. Mein jährlicher Checkup findet so ungefährt alle 2 – 3 Jahre statt. Beim Gynäkologen war ich, man fasst es nicht, 9 Jahre nicht. Ich hatte so eine furchtbare Angst, wieder einmal hinzugehen. Zum Glück war die Angst, jetzt dann doch etwas Schlimmes zu haben, zuletzt so extrem groß, dass ich doch ging. Und das war auch gut so. Noch ein Jahr warten und es wäre Krebs gewesen, sagt mein Arzt. So steht mir jetzt ein vergleichsweise geringer Eingriff bevor, der mit etwas Glück dafür sorgt, dass es das dann erst einmal war.

Alles Einbildung?

Meine Schmerzen, die mich täglich begleiten, sind nicht eingebildet. Ständig tut etwas weh, immer etwas anderes, mal schlimmer, mal weniger schlimm. Wie sagt man so schön: wenn du über 40 bist und morgens ohne Schmerzen aufwachst, dann bist du tot. Sorgen mache ich mir, wenn längere Zeit der gleiche Schmerz vorliegt, dann beginnt das Grübeln.

Es gibt Tage, da kann ich an manche Stellen meiner Extremitäten und meines Oberkörpers nicht hinfassen, weil das dann sehr weh tut. Dann wird jede Bewegung zur Qual und das ist sicher nicht (nur) vom Rücken. Eine Wärmflasche und Aspirin bei 1 – 2 Tagen Bettruhe helfen meist ganz gut. Manchmal sehne ich mich nach stärkeren Schmerzmitteln, aber ich hab auch sehr viel Respekt davor, deshalb lasse ich das lieber.

Ich vermisse meine alte Hausärztin. Sie war nicht nur praktische Ärztin, sondern auch ausgebildete Psychologin. Sie konnte in meine Augen sehen und wusste, wie es mir ging. In vielen Stunden Gesprächstherapie führte sie mich vor über 20 Jahren sanft zu Ursachen und Erkenntnissen, von denen ich noch heute zehre. Ihr konnte ich auch nichts vorlügen, sie hat mich immer durchschaut. Seit sie den Arztkittel an den Nagel gehängt hat, suche ich vergeblich nach einem Hausarzt, dem ich wenigstens annähernd so vertrauen kann. Mein aktueller ist ganz nett und ihm vertraue ich auch bei EKG und Bluttests. Aber mit der Psychologie hat er’s gar nicht. Er ist lieb und schreibt mich einfach eine Woche krank, wenn ich Aua habe, das er nicht begreifen kann. Das ist praktisch, denn wenn es nicht geht, geht es nicht. Aber mir wäre ein Arzt zum Reden und Verstehen lieber. Immerhin hat er mich mit Johanniskraut vertraut gemacht, das rechne ich ihm hoch an.

Ich weiß auch nicht, wie ich einen guten Psychotherapeuten finden soll. Ich hatte ein paar „Vorstellungsgespräche“, aber es wollte sich nicht einmal spontane Sympathie einstellen. Um einen kennenzulernen, wartet man ohnehin schon wochenlang und wenn man dann feststellt, dass er/ sie nichts ist, ist das sehr enttäuschend.

Ich denke, meine Arztverweigerung hat auch viel damit zu tun, dass ich dieses Vertrauen, das ich zu meiner ehemaligen Ärztin hatte, eben nie wieder gefunden habe. Ich habe ganz klar das Bedürfnis, an meinen inneren Dämonen zu arbeiten, aber es ist ausgesprochen schwierig, dafür den richtigen Gesprächspartner zu finden.

Dieses Blog soll privat sein

Frohes neues Jahr 2016Wie betreibe ich denn dieses Blog?

Ich bin schon wieder so unentschieden. Einerseits ist das hier mein persönliches Tagebuch. Aber man schreibt normalerweise nicht für sich selbst, sondern für Dritte. Also mindestens einen Leser brauche ich, damit das Schreiben Sinn ergibt. Werde wohl meinen Mann verpflichten müssen.

Hallo Schatz, herzlich Willkommen! :-*

Vielleicht findet sich aber noch der eine oder die andere. Ich möchte natürlich am liebsten gleichgesinnte Leute „treffen“. Ein Schwätzchen hier, eine Diskussion da, das wäre nett. Für die Kurzweil und zum Erweitern meines Horizonts. Und ein bisschen auch für positives Feedback; etwas Lob für meine Beiträge, meinen Schreibstil oder meine Ausdauer oder so. Kann ich zurzeit gut gebrauchen, mein Selbstwertgefühl ist gerade nicht so ausgeprägt.

Freunde oder gar Bekannte einladen geht aber nicht, sonst heble ich das Konzept der Anonymität ja gleich wieder aus.

Warum eine eigene Domain?

Ich habe weder eine Mission, die ich hiermit ernsthaft verfolge, noch versuche ich, mit dieser Seite Geld zu verdienen. Dass ich mir eine eigene Domain geholt habe und dafür jetzt monatlich 5 Euro zahle, hat einzig den Grund, dass die Inhalte dadurch allein mir gehören. Bei kostenlosen Blogs gehören die Inhalte dem Anbieter und der kann damit im Grunde machen, was er will. Vor allem könnte er sie einfach löschen.

Außerdem habe ich schon ein paarmal angefangen, so zu bloggen und es nie durchgezogen. Es hilft meiner Disziplin bestimmt auf die Sprünge, wenn ich Kosten habe. Verbindlichkeit olé!

Und ich habe gelesen, dass man als Blogger besser gefunden wird, wenn man seine eigene Seite hat und nicht eine ferner-liefen-URL bei einem kostenlosen Anbieter. Was natürlich die Chance erhöht, dass sich hier zwei oder drei Interessierte einfinden.

Kein Blog-Business

Es regt mich gelegentlich auf, dass einerseits behauptet wird, Blogs seien etwas Privates, aber kaum ein Blog wird von einer Privatperson betrieben. Ganz viele sind von Journalisten oder von Firmenangestellten, die alle ihren Job machen. Mindestens ihre Selbstvermarktung, die zu ihrem Handwerk dazugehört. Die meisten „Blogs“ sind eher redaktionelle Texte für die eigene Homepage. Die sind nicht schlecht, aber sie sind eben keine persönlichen Blogs.

Das Netz ist voll mit Blogs, die mir erklären, wie ich mit einem Blog ein Business starten könne. Will ich aber doch gar nicht.

Am besten gefallen mir Blogs, in denen Leute einfach die Anekdoten aus ihrem Berufsleben teilen oder ihre privaten Gedanken zum aktuellen Zeitgeschehen preisgeben. Und das möglichst gefällig formuliert. Sie sind nicht leicht zu finden, aber es gibt sie. Für sachdienliche Hinweise bin ich empfänglich. :)

So, und jetzt setze ich mich hin und nutze den Neujahrsmorgen dafür, herauszufinden, wie ich mir hier ein Blogroll einrichte. Und mal gucken, ob ich doch noch Blogs zum Thema Depression finde, die nicht von Ärzten oder Journalisten geschrieben sind.

 

Bildquelle: Ruth Rudolph / pixelio.de

Prokrastinieren für Fortgeschrittene

UhuSo, da bin ich nun also. Ist noch ziemlich ruhig hier. Gut so, stört keiner meine Konzentration. Apropos Konzentration.

Die Big Bang-Folge kenne ich zwar schon, aber sie ist trotzdem lustig.

Ich könnte nochmal schnell Facebook checken.

Wann kommt Dinner for one?

Ich bin Weltmeisterin im Prokrastinieren. Hab sogar schon einen Kurs dagegen belegt. Die Ursache ist in der Regel, dass die Aufgabe, die zu erledigen ist und die man gerade aussitzt, nicht dem eigenen Zielsystem dient.

Oder man ist depressiv. Kann auch sein. Dann hilft kein Kurs. Haben die in dem Kurs auch gesagt. Kluge Leute. War ja auch ein Uni-Kurs.

Trotzdem habe ich  mich brav mit meinen Werten und Zielen auseinandergesetzt. Na ja, auseinandersetzen wollen. So richtig zu Ergebnissen kam ich nicht. Wie soll das auch gehen mitten in einer depressiven Phase? Es ist schon faszinierend, sich selbst dabei zu beobachen, wie man sich im Kreis dreht. Unsere kleine Katze jagt immer ihr Schwänzchen; ist genauso sinnvoll, sieht aber witziger aus.

Ich habe früher sehr viel geschrieben. Durchaus auch sowas wie Tagebuch oder einfach mal meine Gedanken zu einem Thema oder ein Gedicht. Am liebsten aber Briefe. Ich bin alt genug, ich kenne noch Brieffreundschaften. Damals habe ich problemlos 10 DIN A4-Seiten am Stück mit der Hand runtergeschrieben. Wohl sortierte Gedanken, schöne Schrift. Stundenlang ohne Pause war überhaupt kein Problem. Kaum noch vorstellbar. Zum einen, so lange Zeit konzentriert über einer Sache zu bleiben und zum anderen, den Text einfach runter zu schreiben ohne später zu redigieren, nachträglich einzufügen, etwas zu löschen… Ich sehne mich danach, das wieder zu können. Ich will nicht unbedingt mit der Hand schreiben, aber die Klarheit der Gedanken, die Fähigkeit zur Konzentration und die Verbissenheit, etwas bis zum Ende zu bringen, fehlen mir. Das waren echte Kompetenzen, finde ich. Und die sind weg. Und es ist nicht nur die Depression, glaube ich. Die Arbeit klaut einem viel. Ständig nur Meetings, „Kommunikation“ per E-Mail, fast keine Zeit, länger am Stück über einer Sache zu bleiben, da verlernt man schon Einiges.

Ich habe auch lange gebraucht bis ich mich entschieden habe, einen Blog aufzusetzen. Einerseits drängt in mir alles dazu, schreiben zu wollen, andererseits habe ich überhaupt keinen Plan, worüber. Und ich war noch nie der Typ für „der Weg ist das Ziel“. Das Konzept verstehe ich nicht.

Und nun sitze ich hier und tippe vor mich hin und kämpfe dagegen an, dass ich schon wieder aufspringen und etwas anderes tun möchte. Vielleicht Wäsche und war in der Küche nicht noch etwas zu tun? Bestimmt. Vor 5 Minuten hatte ich darauf noch keine Lust, aber jetzt denke ich, ich sollte das machen. Ommmmmmmmmmm.

 

Tschuldigung, war nur kurz nen Kaffee holen. Die Einkaufstasche musste auch ausgeräumt werden, das wird man doch noch mal machen dürfen.

Also gut, meine Konzentrationsschwelle ist wohl schon überschritten. Empfehle mich.

Procrastinators unite! Tomorrow!

 

Bildquelle: Ulrich Vogler  / pixelio.de

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