Das Wesen des Hypochonders ist, dass er Angst hat, krank zu sein. Und nicht nur ein bisschen, sondern ganz schlimm krank.

Ich war schon immer jemand, der in sich hineinhorcht. Und manches Mal schien das auch gut so. Jedenfalls in meiner Erinnerung. Man macht selten eine Statistik, um dann festzustellen, dass man lediglich ein paar Zufallstreffer gelandet hat. Nein, die wenigen Treffer werden zur Gewissheit, dass man ein drittes Auge hat, den 6. Sinn oder zumindest die (übersinnliche) Fähigkeit, im eigenen Körper Krankheiten aufzuspüren.

Und ich habe Rücken. Als ich mit Mitte 20 zum ersten Mal Probleme mit dem Rücken hatte, äußerte sich das in einem stechenden Schmerz unterhalb der Rippen. Ich war sicher, entweder eine Rippenfellentzündung zu haben oder etwas am Herzen. Meine Ärztin wies mich an, mich gerade hinzusetzen und drückte dann mit geübtem Griff auf einen Wirbel. JESUS! Ok, ich glaub’s, es kommt vom Rücken.

Danach hatte ich immer wieder mal Sorge, ich könnte eine Unterleibserkrankung haben, weil es so furchtbar zog. Abgesehen von einem Mal, das sich auch ganz anders anfühlte und wirklich eine Blasenentzündung war, war die Diagnose des Gynäkologen stets: das sind die Muskeln. Mehr Sport wäre gut, dann ziept’s auch nicht mehr.

Vom Dauergast zum Verweigerer

Einerseits bin ich nach so einer Diagnose massiv erleichtert, andererseits ist mir das auch peinlich. Als Hypochonder oder wenigstens als leicht hysterisch will ich schließlich auch nicht dastehen. Deshalb habe ich versucht mir anzugewöhnen, alle Zipperlein auf Rücken oder Muskeln zu schieben und nicht mehr dauernd zum Arzt zu rennen. Das ging eine lange Zeit auch ziemlich gut. Massagetermine ausmachen, wenn mal wieder geschludert, und Magnesium schlucken. Seltsamerweise führte das bei mir zu einer anderen Sicht der Dinge: gehe nicht zum Arzt, er könnte ja etwas Schlimmes finden. Logisch? Sicher.

Die Angst, überhaupt zum Arzt zu gehen, wurde mit der Zeit immer schlimmer. Mein jährlicher Checkup findet so ungefährt alle 2 – 3 Jahre statt. Beim Gynäkologen war ich, man fasst es nicht, 9 Jahre nicht. Ich hatte so eine furchtbare Angst, wieder einmal hinzugehen. Zum Glück war die Angst, jetzt dann doch etwas Schlimmes zu haben, zuletzt so extrem groß, dass ich doch ging. Und das war auch gut so. Noch ein Jahr warten und es wäre Krebs gewesen, sagt mein Arzt. So steht mir jetzt ein vergleichsweise geringer Eingriff bevor, der mit etwas Glück dafür sorgt, dass es das dann erst einmal war.

Alles Einbildung?

Meine Schmerzen, die mich täglich begleiten, sind nicht eingebildet. Ständig tut etwas weh, immer etwas anderes, mal schlimmer, mal weniger schlimm. Wie sagt man so schön: wenn du über 40 bist und morgens ohne Schmerzen aufwachst, dann bist du tot. Sorgen mache ich mir, wenn längere Zeit der gleiche Schmerz vorliegt, dann beginnt das Grübeln.

Es gibt Tage, da kann ich an manche Stellen meiner Extremitäten und meines Oberkörpers nicht hinfassen, weil das dann sehr weh tut. Dann wird jede Bewegung zur Qual und das ist sicher nicht (nur) vom Rücken. Eine Wärmflasche und Aspirin bei 1 – 2 Tagen Bettruhe helfen meist ganz gut. Manchmal sehne ich mich nach stärkeren Schmerzmitteln, aber ich hab auch sehr viel Respekt davor, deshalb lasse ich das lieber.

Ich vermisse meine alte Hausärztin. Sie war nicht nur praktische Ärztin, sondern auch ausgebildete Psychologin. Sie konnte in meine Augen sehen und wusste, wie es mir ging. In vielen Stunden Gesprächstherapie führte sie mich vor über 20 Jahren sanft zu Ursachen und Erkenntnissen, von denen ich noch heute zehre. Ihr konnte ich auch nichts vorlügen, sie hat mich immer durchschaut. Seit sie den Arztkittel an den Nagel gehängt hat, suche ich vergeblich nach einem Hausarzt, dem ich wenigstens annähernd so vertrauen kann. Mein aktueller ist ganz nett und ihm vertraue ich auch bei EKG und Bluttests. Aber mit der Psychologie hat er’s gar nicht. Er ist lieb und schreibt mich einfach eine Woche krank, wenn ich Aua habe, das er nicht begreifen kann. Das ist praktisch, denn wenn es nicht geht, geht es nicht. Aber mir wäre ein Arzt zum Reden und Verstehen lieber. Immerhin hat er mich mit Johanniskraut vertraut gemacht, das rechne ich ihm hoch an.

Ich weiß auch nicht, wie ich einen guten Psychotherapeuten finden soll. Ich hatte ein paar „Vorstellungsgespräche“, aber es wollte sich nicht einmal spontane Sympathie einstellen. Um einen kennenzulernen, wartet man ohnehin schon wochenlang und wenn man dann feststellt, dass er/ sie nichts ist, ist das sehr enttäuschend.

Ich denke, meine Arztverweigerung hat auch viel damit zu tun, dass ich dieses Vertrauen, das ich zu meiner ehemaligen Ärztin hatte, eben nie wieder gefunden habe. Ich habe ganz klar das Bedürfnis, an meinen inneren Dämonen zu arbeiten, aber es ist ausgesprochen schwierig, dafür den richtigen Gesprächspartner zu finden.